Warum Beteiligung Vereine stärker macht
Was braucht unser Verband in Zukunft? Welche Themen beschäftigen die Vereine? Und welche Angebote helfen ihnen tatsächlich weiter? Bei den Zukunfts-AGs des Deutschen Harmonika-Verbands wurden diese Fragen nicht allein auf Verbandsebene beantwortet. Menschen aus unterschiedlichen Ebenen des DHV brachten ihre Erfahrungen, Perspektiven und ihr Wissen ein und entwickelten gemeinsam Ideen und Lösungsansätze.
Was auf Verbandsebene funktioniert, lässt sich auch auf den einzelnen Verein übertragen. Denn auch dort steckt viel Wissen in den Menschen, die das Vereinsleben Tag für Tag gestalten und erleben. Wer dieses Potenzial nutzen möchte, sollte Mitglieder nicht nur informieren oder dann ansprechen, wenn Aufgaben verteilt werden müssen. Beteiligung bedeutet, ihnen die Möglichkeit zu geben, eigene Ideen einzubringen und die Entwicklung ihres Vereins mitzugestalten.
Mehr Köpfe, mehr Perspektiven
In einem Verein kommen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Fähigkeiten, Interessen und Erwartungen zusammen. Genau darin liegt eine Chance. Denn wo verschiedene Perspektiven einbezogen werden, können Lösungen entstehen, die besser zu den Menschen passen, die sie am Ende betreffen.
Wer beispielsweise ein neues Veranstaltungsformat plant, kann zunächst ein fertiges Konzept entwickeln und anschließend darauf hoffen, dass es bei den Mitgliedern gut ankommt. Oder vorher fragen: Was ist euch wichtig? Was fehlt bislang? Was würdet ihr gerne ausprobieren?
Das bedeutet nicht, dass künftig jede Entscheidung mit allen Mitgliedern diskutiert oder demokratisch abgestimmt werden muss. Vorstände müssen handlungsfähig bleiben, Verantwortlichkeiten müssen klar sein und manches lässt sich in kleiner Runde sinnvoller entscheiden. Vielmehr geht es darum, bewusst zu überlegen: An welchen Stellen können andere Perspektiven eine Entscheidung oder ein Projekt bereichern?
Wer dabei tatsächlich Einfluss nehmen kann, identifiziert sich zudem eher mit dem Ergebnis. Aus einer Entscheidung „des Vorstands“ kann so ein gemeinsames Vorhaben werden.
Mitgestaltung beginnt vor der Aufgabenverteilung
Entscheidend ist allerdings, wann Mitglieder einbezogen werden. In vielen Vereinen beginnt das Mitmachen erst, wenn wesentliche Entscheidungen längst gefallen sind: Das Fest steht, das Programm ist geplant – jetzt werden noch Menschen gesucht, die Kuchen backen, Getränke ausschenken, Stühle stellen oder beim Aufräumen helfen. Diese Mitarbeit ist unverzichtbar. Sie ist aber etwas anderes als Mitgestaltung.
Echte Beteiligung setzt früher an. Dann lautet die Frage nicht nur: „Wer übernimmt welche Aufgabe?“, sondern zunächst: „Was wollen wir machen – und wie wollen wir es machen?“
Das kann schon bei überschaubaren Projekten beginnen. Plant ein Verein beispielsweise eine Reise mit seiner Jugend, könnte das Organisationsteam Reiseziel und Programm festlegen und den Jugendlichen anschließend mitteilen, was geplant ist. Es könnte sie aber auch von Anfang an einbeziehen: Wohin soll es gehen? Was möchten sie dort erleben? Welche Programmpunkte sind ihnen wichtig? Welche Teile der Planung können sie selbst übernehmen?
Wie weit Beteiligung geht, kann dabei von Projekt zu Projekt unterschiedlich sein. Nicht immer können alle alles entscheiden. Wichtig ist vielmehr, dass klar ist, wo tatsächlich Gestaltungsspielraum besteht. Denn wer nach Meinungen fragt, obwohl das Ergebnis längst feststeht, schafft keine Beteiligung.
Junge Menschen können heute schon gestalten
Gerade bei jungen Vereinsmitgliedern lohnt es sich, diesen Gestaltungsspielraum zu schaffen. Im Zusammenhang mit Vereinsentwicklung werden sie häufig als „Nachwuchs“ betrachtet: als diejenigen, die später einmal Verantwortung übernehmen, einen Posten besetzen oder den Verein weiterführen sollen.
Dabei können sie den Verein längst heute bereichern. Sie setzen vielleicht andere Schwerpunkte, kommunizieren anders oder haben andere Vorstellungen davon, welche Angebote und Formen des Vereinslebens attraktiv sind. Ihre Ideen sind deshalb nicht automatisch besser – aber sie erweitern den Blick.
Und Beteiligung wirkt in beide Richtungen: Sie bringt nicht nur neue Perspektiven in den Verein, sondern ermöglicht jungen Menschen, Selbstwirksamkeit zu erleben. Wer merkt, dass eine eigene Idee aufgegriffen wird, eine Entscheidung beeinflusst oder ein kleines Projekt selbst erfolgreich umgesetzt werden kann, erlebt: Meine Meinung zählt. Ich kann hier etwas bewegen.
Das ist etwas anderes, als jungen Menschen irgendwann ein fertiges Amt anzubieten und zu hoffen, dass sie sich dafür entscheiden.
Wie offen sind unsere Strukturen?
Wenn Vereine Schwierigkeiten haben, Menschen für Engagement zu gewinnen, richtet sich der Blick schnell auf diejenigen, die sich vermeintlich nicht engagieren wollen. Gerade über jüngere Generationen heißt es mitunter, sie wollten sich nicht mehr langfristig binden oder keine Verantwortung übernehmen.
Vielleicht lohnt sich stattdessen eine andere Frage: Wie leicht machen wir es Menschen eigentlich, sich bei uns einzubringen?
Wer sitzt mit am Tisch, wenn Entscheidungen getroffen werden? Sind es seit vielen Jahren dieselben Personen? Wie einfach ist es für ein neues oder junges Mitglied, dort eine andere Meinung zu vertreten? Gibt es Möglichkeiten, zunächst ein überschaubares Projekt zu übernehmen – oder führt der Weg vom normalen Mitglied direkt zum mehrjährigen Vorstandsamt?
Auch die Rahmenbedingungen verdienen einen Blick: Wann und wie lange wird getagt? Welche Kommunikationswege werden genutzt? Wie ausgeprägt sind Hierarchien? Und was passiert, wenn jemand einen Vorschlag macht, der nicht zu dem passt, „wie wir das schon immer gemacht haben“?
Dabei geht es nicht darum, bewährte Strukturen grundsätzlich infrage zu stellen oder langjähriges Engagement geringzuschätzen. Vereine leben von Menschen, die über Jahre Verantwortung tragen und ihr Wissen weitergeben. Aber Strukturen, die für sie selbstverständlich und gut eingespielt sind, können auf andere ganz anders wirken.
Ein einfacher Perspektivwechsel kann deshalb aufschlussreich sein: Würde jemand, der heute neu in unseren Verein kommt, schnell erkennen, wo und wie er oder sie eigene Ideen einbringen kann?
Engagement muss wachsen können
Wie wichtig diese Frage für die Zukunft eines Vereins ist, zeigen auch Untersuchungen des Maecenata Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft. Im Interview beschreibt der wissenschaftliche Koordinator Eckhard Priller eine zentrale Erkenntnis: Nicht in erster Linie finanzielle Schwierigkeiten führen zur Auflösung von Vereinen. Entscheidender sind häufig personelle Faktoren. Es fehlen Mitglieder – vor allem aber Menschen, die bereit sind, Vorstands- und andere ehrenamtliche Aufgaben zu übernehmen.
Priller weist zugleich darauf hin, dass Vereine selbst Einfluss darauf haben. Häufig werde zu wenig systematisch darüber nachgedacht, wer künftig Verantwortung übernehmen könnte. Bleiben dieselben Menschen sehr lange in ihren Ämtern, kann für andere kaum eine Perspektive entstehen, sich selbst einzubringen. Erfolgreiche Vereine beschäftigen sich dagegen frühzeitig mit der Nachfolge und beziehen gezielt auch jüngere Menschen ein.
Das heißt nicht, dass jedes beteiligte Mitglied irgendwann ein Vorstandsamt übernehmen soll. Menschen möchten sich unterschiedlich stark engagieren: Manche übernehmen Verantwortung für ein einzelnes Projekt, andere bringen Ideen ein, wieder andere möchten vor allem musizieren. Ein zukunftsfähiger Verein sollte auch für diese unterschiedlichen Formen des Engagements Platz bieten.
Gleichzeitig kann Verantwortung wachsen. Am Anfang steht vielleicht eine Meinung, die jemand äußert. Daraus entsteht eine Idee, an deren Umsetzung die Person mitarbeitet. Beim nächsten Projekt übernimmt sie einen eigenen Aufgabenbereich. Und irgendwann entsteht daraus vielleicht die Bereitschaft, dauerhaft Verantwortung zu tragen:
mitreden → mitgestalten → Verantwortung übernehmen → vielleicht ein Amt übernehmen
Wer erst dann nach engagierten Menschen sucht, wenn bei der nächsten Mitgliederversammlung dringend ein Vorstandsposten besetzt werden muss, setzt deshalb spät an. Beteiligung beginnt lange vorher. Sie schafft Gelegenheiten, Verantwortung auszuprobieren, eigene Fähigkeiten zu entdecken und den Verein als etwas zu erleben, das man selbst mitgestalten kann.
Beteiligung ist damit kein Patentrezept gegen Nachwuchssorgen. Sie ist vielmehr eine Haltung: Ein Verein lebt nicht nur von denjenigen, die ein Amt innehaben und Entscheidungen treffen, sondern von den Erfahrungen, Fähigkeiten und Ideen vieler Menschen.
Die Zukunfts-AGs des DHV haben gezeigt, was entstehen kann, wenn unterschiedliche Perspektiven zusammengebracht werden. Für Vereine lohnt sich deshalb dieselbe Frage: Wer könnte bei uns eigentlich noch mit am Tisch sitzen – wenn wir ihn oder sie dazu einladen?
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