Die Musikakademie Rheinsberg stand vom 6.- 8. Februar ganz im Zeichen eines Instruments, das dabei ist, sein altes Image abzuschütteln: Bei den 27. Akkordeontagen kamen rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Deutschland zusammen, um gemeinsam zu musizieren, neue Werke zu erarbeiten und das Akkordeon in all seinen Facetten zu erleben.
Unter der Leitung der Dozierenden Hans Günther und Sabine Kölz und Timofey Sattarov wurde intensiv in Ensembles und Gruppen gearbeitet. Der Fokus lag auf dem gemeinsamen Musizieren, dem klanglichen Feinschliff und der Entdeckung neuer musikalischer Ausdrucksmöglichkeiten. Die Akkordeontage boten dabei nicht nur Raum für konzentrierte Probenarbeit, sondern auch für Austausch, Inspiration und Begegnung über Generationen hinweg.
Ein besonderer Höhepunkt war der Beitrag der Sopranistin Anna Sax Palimina von der Dresdner Semperoper. Sie bringt sich neuerdings aktiv in die Akkordeonszene ein. Für die Opernsängerin ist das ein musikalischer Ausgleich – auf einer Abendveranstaltung begeisterte sie das Publikum, indem sie gleichzeitig Akkordeon spielte und sang. Begleitet wurde sie dabei von ihrer Akkordeonlehrerin
Kerstin Koid, die an der Musikschule Oberspreewald Lausitz Kinder und Erwachsene unterrichtet. Das Programm stand unter dem Motto „Verlorene Liebe“ – mit Liedern von Lydie Auvray, Franz Schubert und Kurt Weill. Fabelhaft gelang Anna Sax Palimina die Interpretation der Ballade vom „Surabaya-Johnny“, dem Klagelied der 16- jährigen Geliebten, die sich nach dem Schuft und Lügner Johnny verzehrt- und das vor knapp 100 Jahren ganz Berlin pfiff. Es war ein sehr emotionales mitreißendes Konzert.
Passend dazu steht das Jahr 2026 ganz im Zeichen des Akkordeons: Es wurde offiziell zum „Jahr des Akkordeons“ ausgerufen. Ziel ist es, das Instrument stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und es aus seinem teils noch vorhandenen Nischendasein zu holen. Denn das Bild vom Akkordeon als angeblichem „Altherren-Instrument“ hält sich mancherorts noch hartnäckig – trotz einer lebendigen Szene, die seit Jahren erfolgreich dagegen anspielt.
Ein Blick in die Geschichte erklärt, woher dieses Image stammt. Das Akkordeon erblickte vor knapp 200 Jahren in Wien das Licht der Welt. Erfinder war der Instrumentenbauer Cyrill Demian. Sein erstes Akkordeon war klein und simpel aufgebaut, nur etwa 25 Zentimeter lang und rund 500 Gramm schwer. Die ersten Instrumente wurden – ähnlich einem kleinen Baby – im Arm gehalten, der Balg wurde vertikal gespielt. Sie besaßen lediglich fünf Tasten und einen Balg – keinen Bass. Gemacht waren sie für musikalische Laien. Platzsparend, leicht zu transportieren und leicht zu spielen, eignete es sich hervorragend für die Lied-Begleitung. Jeder Bauernlümmel konnte damit einfache Melodien zaubern. So erhielt das Akkordeon früh den Ruf als „Klavier des einfachen Mannes“ – ein Stempel, den es bis heute nicht ganz verloren hat. Durch die große Auswanderungswelle aus Nordeuropa, insbesondere mit deutschen und irischen Einwanderern, gelangte es nach Amerika. Kompakt und leicht war es ein beliebter Begleiter auf den Schiffsreisen. Das ist sehr schön nachzulesen im berührenden Roman „Das grüne Akkordeon“ von Annie Proulx: ein grünes Knopfakkordeon, gefertigt in Italien, wandert über hundert Jahre hinweg durch die Hände etlicher Generationen. Zunächst werden auf ihm italienische Volkslieder gespielt, später deutsche, dann französische Musette-Walzer, polnische Polkas und irische Tanzmusik. Mit den Weisen trösteten sich die meist armen Auswanderer über den Verlust der Heimat.
Doch die etablierte Musikwelt lehnte das Instrument rundherum ab.
Eduard Hanslick, bedeutender Musikkritiker in Wien, verließ 1862 empört eine Präsentation von Handzuginstrumenten in London und schrieb danach: „Fühlst du . . . die eisige böse Zugluft aus den Bälgen der Harmonikas? Genug, Genug!“
Doch aus Kindern werden Leute. Das kleine Musikspielzeug wurde erwachsen. Kaum ein Instrument hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so stark weiterentwickelt wie das Akkordeon. Es wurde immer wieder umgebaut, verfeinert und perfektioniert. Zahlreiche Tasten und Knöpfe kamen hinzu, moderne Instrumente bringen heute bis zu 15 Kilogramm auf die Waage. Geblieben ist jedoch das einzigartige Prinzip, Melodie und Begleitung gleichzeitig spielen zu können.
Viele Akkordeonspielerinnen und -spieler beschreiben ihr Instrument als einen atmenden Freund. Um es zu spielen, muss man es förmlich umarmen und an sich drücken. Man muss auf sein Schnaufen hören und im selben Takt atmen. Dann schenkt einem dieser beste Kumpel die Musik der ganzen Welt. Längst hat das Instrument seinen festen Platz in den Konzertsälen gefunden – und Veranstaltungen wie die Akkordeontage in Rheinsberg zeigen eindrucksvoll, dass das Akkordeon nicht nur Tradition, sondern vor allem Zukunft hat. Man darf gespannt sein, wo die musikalische Reise des Akkordeons in den kommenden Jahrzehnten hingeht.
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