Mit dem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule ab 2026 verändert sich die Bildungslandschaft auch für Amateurmusikvereine und Orchester. Viele Schulen bauen ihre Ganztagsangebote derzeit aus und suchen nach Partnern aus Kultur und Gesellschaft. Für Vereine kann das eine große Chance sein: Kinder kommen früh mit Musik in Kontakt, musikalische Bildung wird sichtbarer im Schulalltag und neue Wege zur Nachwuchsgewinnung entstehen. Zwei Beispiele zeigen, wie Kooperationen bereits heute erfolgreich funktionieren.
Best Practice Beispiel 1: Harmonika-Spielring Berghausen
Seit mehr als 20 Jahren kooperiert der Harmonika-Spielring Berghausen mit einer örtlichen Grundschule. Zu Beginn jedes Schuljahres werden in den Klassenstufen 1 und 2 Akkordeon und Unterrichtsangebot vorgestellt. Die Kinder können das Instrument kennenlernen und ausprobieren. In der Regel melden sich anschließend zwischen vier und zwölf Kinder für den Unterricht an.
Zum Einsatz kommen besonders kleine XS-Akkordeons von Hohner, die sich gut transportieren lassen und durch spezielle Tragegeschirre auch im Unterricht leicht zu handhaben sind. Die Instrumente werden über ein Musikfachgeschäft an die Eltern ausgeliehen, sodass jedes Kind auch zu Hause üben kann – eine wichtige Voraussetzung, um die motorischen Grundlagen des Instrumentalspiels zu entwickeln.
Aus der langjährigen Kooperation entstand das Unterrichtskonzept „Krabbi XS“. Der Ansatz ist bewusst gruppenorientiert und flexibel gestaltet. Zu Beginn steht nicht das Notenlesen im Mittelpunkt, sondern die motorische Entwicklung der Kinder. Farben und einfache Bewegungsabläufe helfen beim Einstieg, sodass die Kinder schnell gemeinsam musizieren können. Erst später werden Notenkenntnisse systematisch aufgebaut.
Der Unterricht wird abwechslungsreich gestaltet: Neben dem Akkordeonspiel gehören auch Singen, rhythmische Übungen oder kreative Aufgaben dazu. So bleiben alle Kinder aktiv beteiligt, auch wenn nicht alle gleichzeitig ein Instrument spielen. Das Konzept funktioniert daher auch bei unterschiedlichen Gruppengrößen und lässt sich gut an schulische Rahmenbedingungen anpassen.
Viele Kinder kommen über dieses Angebot erstmals mit Musik in Berührung. Besonders interessierte Kinder wechseln später in den Einzelunterricht oder werden Teil des Vereinsorchesters.
Best Practice Beispiel 2: Akkordeon-Orchester Heilbronn-Neckargartach
Das Akkordeon-Orchester Heilbronn-Neckargartach engagiert sich seit 2016 im Ganztagsbereich der Albrecht-Dürer-Schule. Als die Grundschule zur verpflichtenden Ganztagesschule wurde, wurde der Musikpädagoge aus dem Verein früh in die Planungen einbezogen. Gemeinsam mit Schulleitung, Lehrkräften, Elternvertretung und Ganztagsbetreuung entwickelte er erste musikalische Angebote für den neuen Schulalltag.
Das Engagement umfasst verschiedene Bausteine: verpflichtende Unterrichtsangebote im Ganztag, Mundharmonika-Unterricht, ein generationsübergreifendes Projekt „Unter 7 – Über 70“ sowie Unterstützung der Lehrkräfte im Musikunterricht. Zusätzlich gibt es im sogenannten Mittagsband freiwillige Angebote wie Melodica- oder Akkordeonunterricht, die von den Eltern gebucht werden können.
Der Einstieg begann bewusst klein mit zwei Wochenstunden. In den folgenden Jahren wurde das Angebot schrittweise ausgebaut. Die Finanzierung erfolgte zunächst über Spenden und Programme wie das Jugendbegleiter-Programm, später zunehmend über sogenannte monetarisierte Lehrerstunden der Schule.
Durch die Kooperation ist Musik im Schulalltag sichtbar präsent: bei Einschulungsfeiern, Laternenumzügen, Schulfesten oder Weihnachtsgottesdiensten treten Kinder gemeinsam mit dem Jugendorchester auf. Auch beim Sommerfest des Vereins werden Schülerinnen und Schüler aus der Schule regelmäßig zu gemeinsamen Aktionen eingeladen. Die Gewinnung neuer Mitglieder bleibt zwar eine Herausforderung, doch einzelne Angebote – etwa der Melodica-Unterricht – haben sich als guter Einstieg in das Musizieren im Verein erwiesen.
Der wichtigste Rat aus der Praxis lautet: einfach den ersten Schritt wagen und aktiv auf Schulen zugehen. Viele Schulen sind froh über Partner, die musikalische Angebote in den Ganztag einbringen – besonders, wenn Vereine flexibel auf die Bedürfnisse der Schule reagieren.
Fazit
Die beiden Beispiele zeigen, wie unterschiedlich musikalische Angebote im Ganztag aussehen können – vom Instrumentalunterricht in enger Kooperation mit einer Grundschule bis zu vielfältigen Projekten im Schulalltag. Entscheidend ist eine gute Abstimmung mit der Schule und die Bereitschaft, Angebote schrittweise zu entwickeln. Für viele Vereine kann der Ganztag so zu einem wichtigen Zugang werden, um Kinder früh für Musik zu begeistern.
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