Mit einem gemeinsamen Positionspapier haben der Bundesmusikverband Chor & Orchester, der Bundesverband Musikunterricht und der Verband deutscher Musikschulen Anfang 2026 ihre Erwartungen an musikalische Bildung im Ganztag formuliert. Im Interview erläutert Geschäftsführerin Demandt, welche Chancen und Herausforderungen der Ausbau der Ganztagsschule für Chöre, Orchester und Musikvereine mit sich bringt – und warum Kooperationen zwischen Schule, Musikschule und Amateurmusik künftig noch wichtiger werden.
Frau Demandt, die Pressemitteilung zur Veröffentlichung des Positionspapiers trug die Überschrift „Gefährdet der Ganztag die musikalische Bildung?“ Sehen Sie dafür eine reale Gefahr?
Wenn wir uns die Sachlage genauer anschauen, stellen wir fest, dass der Musikunterricht vielerorts zurückgeht und der Fokus stärker auf Fächer wie Mathematik und Deutsch gelegt wird. An einigen Schulen ist der Lehrer*innenmangel so groß, dass Musikunterricht ersatzlos ausfällt und gar nicht mehr stattfindet. Damit geht eine große Chance verloren, Kinder unabhängig vom Geldbeutel oder vom kulturellen Hintergrund ihrer Eltern zu erreichen und ihnen einen grundlegenden Zugang zur Musik zu ermöglichen.
Mit dem neuen Ganztagsförderungsgesetz kommt eine weitere Entwicklung hinzu: Ab dem kommenden Schuljahr werden sich die Kinder auch am Nachmittag in der Schule aufhalten. Das hat Auswirkungen auf den Unterricht an Musikschulen ebenso wie auf die Vereine, Chöre und Orchester, deren Proben in der Regel am frühen Abend stattfinden. Wir gehen davon aus, dass viele Kinder nach einem langen Schultag schlicht nicht mehr die Kapazität und Energie haben, abends noch zur Probe zu gehen.
Damit droht auch der Verlust wichtiger Möglichkeiten der musikalischen Grundbildung – sei es durch gemeinsames Singen, das Erlernen eines Instruments oder die Förderung besonderer Talente, die vielleicht später einmal den Weg in die Professionalität finden. Und was ich besonders wichtig finde: Auch das gemeinsame Musizieren in der Gruppe würde zurückgehen. Damit würde eine wichtige Säule in unserer Gesellschaft wegfallen, in der durch das Vereinsleben und -musizieren Werte vermittelt werden, die für eine soziale Einbindung und Gestaltung vor Ort, für das Lernen in Gemeinschaft und den Zusammenhalt zentral sind – und die oft weit über die Schulzeit hinaus wirken.
Diese Gemengelage aus einem bereits rückläufigen Angebot in der Schule und den zusätzlichen Herausforderungen durch den Ganztag betrachten wir deshalb durchaus mit Skepsis.
Im Positionspapier werden Chöre, Orchester und Musikvereine ausdrücklich als Teil eines „Trios“ der musikalischen Bildung beschrieben. Welche besondere Rolle spielen Amateurmusikensembles im Ganztag?
Kürzlich wurde die miz-Studie mit aktuellen Zahlen zur Amateurmusik veröffentlicht. Sie zeigt, dass die Amateurmusik – direkt nach der Schule – der zweithäufigste Zugang zur Musik ist. Das unterstreicht, welchen Stellenwert Amateurmusikensembles außerhalb der Schule derzeit haben und wie wichtig dieses zusätzliche Angebot ist und von Kindern und Jugendlichem aktiv wahrgenommen wird.
Amateurmusikensembles haben den großen Vorteil, dass sie zusätzlich zur musikalischen Ausbildung Orte für soziale Netzwerke und gesellschaftliche Veränderung sind – oft ein Leben lang. Menschen aller Generation konsumieren in den Vereinen nicht nur Musik, sie lernen, bringen sich mit eigenen Ideen ein, gestalten, sind Teil einer Community, die trägt. Sie verändern damit Gesellschaft und sind Keimzelle für die zweitgrößte zivilgesellschaftliche Bewegung nach dem Sport. Teamgeist, Resilienz und Selbstwirksamkeit werden automatisch erlernt und prägen junge Menschen durch das Musizieren und Abstimmen in der Gruppe. Diesen Kosmos schon früh auch im Ganztag kennenzulernen, eröffnet Kindern und Jugendlichen viele weitere Entfaltungsmöglichkeiten – vielleicht sogar die Entscheidenden für den weiteren Lebensweg.
In der Amateurmusikszene fragt man sich: Wenn Kinder bis in den Nachmittag hinein in der Schule sind, bleibt weniger Zeit für die Orchesterprobe. Ist der Ganztag für Vereine wirklich eine Chance oder doch eher ein Risiko?
Das lässt sich momentan noch nicht eindeutig sagen. Ein Blick in die östlichen Bundesländer ist in diesem Zusammenhang aber sehr interessant, denn dort gibt es den Ganztag schon lange und er funktioniert. Für uns ist die Situation allerdings neu, und wir stehen vor vielen Fragen, die bislang noch nicht geklärt sind.
Ich möchte die möglichen Risiken für Vereine gar nicht kleinreden, deshalb sprechen wir auch so intensiv darüber. Der Ganztag wird auf jeden Fall eine große Umstellung sein. Es entstehen Zeitkonflikte mit Proben, und viele qualifizierte Ensembleleiterinnen und -leiter haben einen anderen Hauptberuf und die musikalische Ausbildung bisher abends getragen. Wenn diese Arbeit nun plötzlich am Nachmittag stattfinden soll, wird sich die Frage nach zusätzlichen Ausbilder*innen stellen, die es momentan nicht gibt. Hinzu kommen rechtliche Fragen, ein großer zusätzlicher Abstimmungsbedarf zwischen Verein und Schule sowie eine geringere Flexibilität im gewohnten Vereinsalltag.
Gleichzeitig würde ich sagen, dass die Chancen genauso groß sind – und auch darüber müssen wir sprechen. Wenn wir uns von vornherein davon abhalten lassen, neue Wege auszuprobieren, werden wir nie herausfinden, ob sie funktionieren. Der Ganztag bietet ein enormes Potenzial: Wenn Amateurmusik dort sichtbar wird – in jeder Stadt und in jedem Dorf –, können Vereine zeigen, wie wichtig sie für die musikalische Bildung sind und wie sinnvoll eine Verzahnung von unterschiedlichen Akteuren und Kompetenzen sein kann – sie sitzen dann am Tisch für zukünftige kommunale Bildungskonzepte. Ich wünsche mir sehr, dass Vereine diese Chance sehen und aktiv nutzen.
Ich sehe auch eine große Möglichkeit, neue Kinder und Jugendliche zu erreichen. In der Schule begegnen wir vielen Kindern, die sonst vielleicht nie den Weg in einen Verein gefunden hätten.
Gerade die Zusammenarbeit von Schule, Musikschule und Verein kann dabei eine gute Kombination sein: Die Musikschule bietet qualifizierten Einzelunterricht, der Verein ergänzt durch gemeinschaftliche Ensembleangebote, und in der Schule werden weitere theoretische und praktische Grundlagen vermittelt. Wenn diese unterschiedlichen Kompetenzen zusammenkommen – mit Kontinuität, Professionalität und qualifizierten Fachkräften –, können echte Win-win-Situationen entstehen. Denn auch die Schulen müssen und möchten ihren Ganztagsbereich füllen. Ich persönlich versuche deshalb, die Situation eher als Chance denn als Risiko zu sehen, ohne die bestehenden Herausforderungen zu unterschätzen. Wichtig ist, dass wir anfangen, Dinge auszuprobieren, statt uns von der Unsicherheit abschrecken zu lassen. Nur so werden wir herausfinden, was tatsächlich funktioniert und können konkrete Veränderungsvorschläge einbringen.
Kann der Ganztag tatsächlich helfen, neue Mitglieder für Ensembles zu gewinnen? Oder ist diese Vorstellung mehr Schein als Sein?
Wir sehen, wie intensiv sich viele Vereine mit dem Thema Nachwuchsgewinnung beschäftigen. Die erste Institution, über die man viele Kinder erreichen kann, ist nun einmal die Schule, dort sind alle Kinder des Ortes versammelt. Deshalb sehe ich hier durchaus ein Potenzial. Gleichzeitig glaube ich nicht, dass sich von 30 Kindern in einem Ganztagsangebot am Ende auch 30 im Verein anmelden werden. Aber vielleicht sind es fünf – und das wäre schon ein sehr gutes Ergebnis. Dann hätte ein Verein seinen Bildungsauftrag bereits sehr gut erfüllt und gleichzeitig neue Mitglieder gewonnen.
Es ist ebenso möglich, dass Kinder erst später zur Musik wiederfinden und sich an die Angebote eines Vereins erinnern, ohne direkt im Anschluss Mitglied geworden zu sein. Wichtig ist zunächst einmal, dass wir zeigen können, was Vereine leisten: was Chorarbeit bedeutet oder was eine Instrumentalausbildung bewirken kann. Dass danach alle Kinder und Jugendlichen musikbegeistert sind, wäre sicherlich eine Illusion. Aber ich glaube, dass der Ganztag eine Chance bietet – auch für Kinder, die außerhalb der Schule noch ein anderes Betätigungsfeld suchen und nicht ausschließlich im schulischen Rahmen bleiben möchten.
Zugleich erreichen wir in der Schule eine deutlich diversere Zielgruppe als viele Vereine außerhalb der Schule normalerweise erreichen würden. Für die Leiterinnen und Leiter solcher Gruppen ist das allerdings oft eine neue Situation. Sie sind es gewohnt, mit einer motivierten Gruppe zu arbeiten, die sich freiwillig für das Ensemble entschieden hat. Im Ganztag kann es dagegen auch Kinder geben, die teilnehmen müssen. Das erfordert andere pädagogische Methoden und Ansätze und ist durchaus eine neue Herausforderung.
Das Positionspapier betont die Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamt. Gleichzeitig stoßen viele Vereine an ihre Belastungsgrenzen. Wie kann verhindert werden, dass zusätzliche Ganztagsangebote vor allem auf den Schultern ehrenamtlich Engagierter landen?
Ich denke, wir sind uns alle einig, dass Ehrenamtliche nicht als Lückenbüßer einspringen sollen, nur weil es im Ganztag derzeit noch zu wenig Personal gibt und viele Strukturen noch nicht klar geregelt sind. In diesem Zusammenhang verweise ich auf die MiKADO-Studie , die den Fachkräftemangel in der musikalischen Bildung untersucht hat. Danach werden bis zum Jahr 2035 rund 15.000 Musikschulkräfte in den Ruhestand gehen, während dem lediglich etwa 4.000 Absolventinnen und Absolventen in der Instrumental- und Vokalpädagogik gegenüberstehen. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach musikalischer Bildung weiter. Das hat zur Folge, dass mindestens 500.000 Schülerinnen und Schüler keinen Musikschulunterricht erhalten, weil es an Fachkräften fehlt. Diese Situation wird sich auch im Ganztag bemerkbar machen.
Hier entsteht ein gewisser Widerspruch: Der Ganztag soll mit zusätzlichen Angeboten ausgebaut werden, gleichzeitig gibt es nicht ausreichend Personal, um diese Angebote umzusetzen. Natürlich soll die Konsequenz nicht sein, dass die Amateurmusik die Segel streicht. Aber ich sehe die Gefahr, dass Ehrenamtliche an manchen Stellen jetzt noch stärker gefragt sind und einspringen müssen, um mit der Entwicklung mithalten zu können.
In einer idealen Welt gäbe es eine klare Aufgabentrennung zwischen Ehrenamt und hauptamtlichen pädagogischen und musikalischen Fachkräften. Ehrenamtliche wollen weiterhin gestalten, aber sie können nicht dauerhaft Aufgaben in diesem Maß übernehmen, für die eigentlich zusätzliche Ressourcen gebraucht werden. Ich denke an all die zusätzliche logistische und personelle Planung für die Organisation eines Ganztagsangebots.
Was Vereine deshalb vor allem brauchen, ist Planungssicherheit und professionelle Unterstützung. Sinnvoll wäre zum Beispiel eine externe Koordinationsstelle Ganztag auf kommunaler Ebene. Eine solche Stelle könnte zwischen Schule und Vereinen – etwa im Sport oder in der Musik – vermitteln und rechtliche sowie organisatorische Fragen klären. Viele bürokratische Aufgaben ließen sich so aus dem Ehrenamt herauslösen. Dann könnten sich Ehrenamtliche stärker auf die inhaltliche Arbeit im Verein konzentrieren.
Welche Finanzierung braucht es, damit sich Musikvereine langfristig im Ganztag engagieren können? Wie lässt sich sicherstellen, dass Qualität gewährleistet bleibt?
Eine zentrale Frage bei der Finanzierung ist die Bezahlung der Honorarkräfte beziehungsweise der Personen, die solche Angebote leiten. Dafür gibt es inzwischen Honorarempfehlungen des Deutschen Musikrats mit konkreten Vorschlägen für Stundensätze, die sich an unterschiedlichen Ausbildungsgraden und Erfahrungsstufen orientieren. Bei bundesgeförderten Projekten müssen diese Empfehlungen auch eingehalten werden. Daran könnten sich auch Länder und Kommunen orientieren und genau diese Abstimmungen und Fördertöpfe gibt es bisher nicht, dafür sind die Strukturen zu unterschiedlich. Wichtig ist eine faire und attraktive Bezahlung, denn es geht hier nicht um reine Betreuungsarbeit, sondern um Bildungszeit – und genau das wünschen wir uns für den Ganztag: qualifizierte Bildung und Ausbildung. Eine faire Vergütung sorgt für Anerkennung, Sichtbarkeit und Wertschätzung dieser Arbeit – schließlich geht es darum, Kinder und Jugendliche musikalisch auszubilden.
Hinzu kommen weitere Kostenpunkte, etwa für Materialien oder die Anschaffung von Instrumenten sowie für Zeitbudgets, die für Planung und Abstimmung benötigt werden. Bei Räumen und Infrastruktur sind die Vereine häufig schon gut aufgestellt, weil Schulen und Vereinshäuser entsprechende Möglichkeiten bieten. Dennoch stellen sich auch Fragen etwa zur Aufsichtspflicht oder zu anderen rechtlichen Rahmenbedingungen.
Wie könnte aus Ihrer Sicht eine ideale Zusammenarbeit zwischen Schule, Musikschule und Amateurmusik vor Ort aussehen? Und wem sollte die Initiative für eine Kooperation ausgehen?
Ganz pragmatisch gesagt, sollte man sich zunächst an einen Tisch setzen und ein gemeinsames Commitment entwickeln. Wichtig ist, dass alle Beteiligten ähnliche Ziele verfolgen. Dazu gehört, dass man sich zusammensetzt und ein Konzept erarbeitet. Das klingt zunächst nach viel Aufwand, kann aber ganz niedrigschwellig beginnen – etwa indem man die klassischen fünf W-Fragen klärt: Was genau machen wir? Warum machen wir das und mit welchem Anspruch? Welche Ziele verfolgen die Partner? Wo, wie und mit wem setzen wir es um? Welcher Partner übernimmt die Hauptverantwortung und Koordination, wer ist für die fachliche Ausgestaltung zuständig? Auf diese Weise lassen sich klare Ziele definieren und zugleich konkrete Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner festlegen.
Entscheidend ist außerdem eine partnerschaftliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Schule, Musikschule und Verein sollten sich ihrer jeweiligen Stärken bewusst sein und gleichzeitig die Kompetenzen der anderen kennen und wertschätzen. Jede dieser Institutionen bringt unterschiedliche Expertisen ein – vom Einzelunterricht über Gruppenangebote bis hin zu theoretischen Inhalten. Daraus kann eine sehr gute Verbindung aus musikalischer Grundbildung, individueller Förderung und gemeinschaftlichem Musizieren entstehen. Mit dieser gemeinsamen Haltung lässt sich eine solide Grundlage für Kooperationen schaffen.
Wenn musikalische Bildung im Ganztag gelingen soll: Wo sehen Sie aktuell den größten Handlungsbedarf bei Politik und Kommunen?
Der Schlüssel ist für mich eine klare und unterstützende Haltung von Schule, Politik und Öffentlichkeit zum Stellenwert musikalischer Bildung. Damit schließt sich auch der Kreis zur ersten Frage: Warum ist musikalische Bildung in Gefahr? Es gibt nicht weniger Akteure und auch nicht weniger Menschen, die Musik machen wollen – im Gegenteil. Die Zahl der Menschen, die in ihrer Freizeit musizieren, ist in den letzten zwei Jahren um zwei Millionen auf 16,3 Millionen gestiegen. Gleichzeitig beobachten wir aber in der öffentlichen Diskussion eine Verschiebung in der Wahrnehmung der Bedeutung musikalischer Bildung.
Der Fokus liegt stark auf messbaren und evidenzbasierten Fächern wie Mathematik, Deutsch oder Englisch, während die künstlerischen Fächer zunehmend aus dem Blick geraten. Schulen müssen sich bewusst machen, dass neben dem Sport auch musikalische Angebote ein zentraler Bestandteil schulischer Bildung sind. Solange wir nicht wieder zu einem breiteren Verständnis von Bildung zurückfinden, wird es schwierig. Wir brauchen eine stärkere gesellschaftliche Wahrnehmung dafür, wie wichtig musikalische Bildung ist – das gelingt nur mit Selbsterfahrung, Überzeugung und echter Zusammenarbeit von allen lokalen Akteur*innen.
Darüber hinaus gibt es weiterhin großen Klärungsbedarf bei den rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen – sowohl auf kommunaler als auch auf Landesebene. Es geht zum Beispiel um Fragen der Betreuungs- und Bildungszeit, um Instrumentenlogistik, Aufsichtspflichten, Anforderungen an Qualität, um Fachkräftegewinnung und um Finanzierung. Viele Vereine zögern im Moment noch, sich stärker im Ganztag zu engagieren, weil diese Rahmenbedingungen nicht eindeutig geregelt sind. Für uns ist entscheidend, dass der Ganztag nicht nur mit Betreuungszeit gefüllt wird, sondern die Chance für die Gestaltung einer echten Bildungszeit für Kinder und Jugendliche wahrgenommen wird zusätzlich zum formalen Schulunterricht.
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