Andrii Fesenko, Jahrgang 1993, lebt heute im Rhein-Main-Gebiet und ist als Solist, Kammermusiker, Komponist, Arrangeur und Pädagoge tätig. Sein Repertoire reicht über unterschiedlichste Epochen und Stilrichtungen. Für seinen Auftritt in Wesseling hatte er jedoch ganz bewusst ein zeitgenössisches ukrainisches Programm zusammengestellt, das ihn seit vielen Jahren begleitet und ihm besonders am Herzen liegt. Das Konzert war eine Einladung, die Ukraine durch ihre Musik kennenzulernen. Was klingt nach Ukraine? Volkslieder, die Klangwelt der Karpaten, wunderschöne Melodien – und zugleich eine faszinierende moderne europäische Musiksprache. Genau diese musikalische Vielfalt brachte Fesenko auf die Bühne. Sein Akkordeon wurde dabei zur künstlerischen Sprache, mit der er musikalische Geschichten erzählte, authentische Emotionen vermittelte und die reiche kulturelle Vielfalt der Ukraine zum Klingen brachte.
Dabei konnte das Publikum auch die außergewöhnlichen Möglichkeiten seines Konzertakkordeons kennenlernen. Das Akkordeon wurde nicht von ungefähr von den Landesmusikräten zum „Instrument des Jahres 2026“ ausgewählt. Fesenko spielte auf einem Bajan mit Konverter. Anders als beim herkömmlichen Standardbass lassen sich auf der linken Seite damit nicht nur Bässe und Akkorde spielen, sondern auch Melodien. Über die sogenannte MIII-Mechanik sind die Knöpfe beim Umschalten chromatisch wie auf der rechten Seite angeordnet.
Das Konzertprogramm basierte auf seinem ersten Soloalbum „Ukraine 2022“, das mit Unterstützung des Deutschen Musikrats entstand. Die CD konnte am Konzertabend ebenfalls gegen eine Spende erworben werden.
Ludger Strobel vom Musikforum Wesseling e.V. begrüßte die Gäste und erläuterte den besonderen Charakter des Sonderkonzertes. Er freute sich besonders, nach dem Auftritt des Rizol Quartet im vergangenen Jahr erneut einen ukrainischen Akkordeonisten in Wesseling begrüßen zu können. Das Akkordeonensemble der Nationalen Philharmonie der Ukraine in Kyiv hatte damals mit Arrangements klassischer Komponisten und Werken von Astor Piazzolla begeistert.
Nun stand mit Andrii Fesenko ein herausragender Solist auf der Bühne – und beeindruckte das Publikum mit einem Konzert auf Weltklasseniveau. Sein Programm war ausgesprochen abwechslungsreich zusammengestellt und zeigte außerdem die enorme Bandbreite konzertanter Akkordeonmusik.
Schon die Eröffnung mit Anatoly Biloshitskys „Fantasia-Capriccio zu Themen von George Gershwin“ nahm das Publikum unmittelbar für den Künstler ein. Die bekannten Themen aus „Porgy and Bess“ und „Rhapsody in Blue“ waren sofort wiederzuerkennen, zugleich überraschten Variationen über die spannenden, nah am Original orientierten Harmonien. Biloshitsky hatte die Musik melodisch und virtuos für Akkordeon umgesetzt und variiert – eine Herausforderung, der Fesenko mit beeindruckender technischer Sicherheit begegnete.
Anschließend erklang Biloshitskys Partita Nr. 1 für Akkordeon, eine viersätzige Suite mit den Sätzen „Prelude“, „Peripezie“, „Improvvisazione“ und „Finale“. Das anspruchsvolle Werk ist der Neuen Musik zuzurechnen und forderte nicht nur den Interpreten, sondern auch die konzentrierte Aufmerksamkeit der Zuhörer.
In der ersten Programmhälfte folgten zwei eingängige Werke von Wolodymyr Podgorny auf der Grundlage bekannter Melodien: die „Elegische Fantasie über das ukrainische Volkslied ‚Der Wind weht zur Ukraine‘“ und „Widmung an Caruso“, eine Fantasie über das Thema von Lucio Dallas Lied „Caruso“ aus dem Jahr 1986. Zwischen lyrischen und virtuosen Passagen entwickelte Fesenko eine eindrucksvolle Hommage an den legendären Operntenor.
Besonders viel Applaus erhielt anschließend Wolodymyr Bulawkos Konzertstück über das Thema des ukrainischen Volksliedes „Gandzia“. Das folkloristisch geprägte Werk bot Fesenko reichlich Gelegenheit, seine Virtuosität auszuspielen – und er nutzte sie eindrucksvoll.
Nach der Pause begann der zweite Programmteil mit zwei Sätzen aus der „Karpaten-Suite“ für Akkordeon von Wolodymyr Zybitskiy. Der 1953 geborene Komponist und Bajan-Spieler zählt zu den prägenden Persönlichkeiten des zeitgenössischen Akkordeonspiels. Seine internationale Karriere begann 1975 mit dem Sieg beim Coupe Mondiale in Helsinki. In der „Karpaten-Suite“ verbinden sich rhythmische Energie und folkloristische Klangfarben auf faszinierende Weise mit den vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten des Akkordeons.
Mit Valentin Silvestrovs „Zwei Bagatellen“ – „Wiegenlied“ und „Animato“ – wurde es anschließend ganz anders. Feine, poetische Klangmomente zeigten eine weitere Facette ukrainischer Musik. Das ursprünglich für Klavier komponierte Werk entfaltete auf dem Akkordeon einen ganz eigenen Reiz. Fesenkos feinfühlige Interpretation blieb nicht ohne Wirkung: Erneut belohnte das Publikum den Solisten mit lang anhaltendem Applaus.
Zum Abschluss präsentierte sich Andrii Fesenko dann auch als Komponist und Arrangeur. In seiner eigenen Komposition „Fatum-Toccata“ verband er zeitgenössische Klangsprache mit lyrischen und jazzigen Momenten und der rhythmischen Energie einer Toccata.
Als letztes Werk erklang seine eigene Paraphrase über Platon Maiborodas berühmtes ukrainisches Lied „Das Lied über das bestickte Handtuch“. Damit setzte Fesenko einen besonders eindrucksvollen Schlusspunkt und zugleich eine musikalische Hommage an eines der bekanntesten Lieder der ukrainischen Kultur.
Beide Werke wurden mit frenetischem Beifall aufgenommen. Eine traditionelle Akkordeon-Zugabe war damit geradezu ein Muss – und natürlich ließ Fesenko sich nicht lange bitten.
So wurde der Abend zu einem besonderen Konzerterlebnis: überraschend, vielseitig und voller musikalischer Geschichten. Wer die ukrainische Musik bislang vor allem mit Volksliedern und folkloristischen Klängen verbunden hatte, konnte eine faszinierende zeitgenössische Musikwelt entdecken, in der sich europäische klassische Tradition, ukrainische Volksmusik und moderne Klangsprache des Akkordeons begegnen.
Ludger Strobel zeigte sich begeistert von dieser musikalischen Reise und dankte dem Solisten herzlich dafür, dem Wesselinger Publikum eine für viele ganz neue Welt eröffnet zu haben. Nicht nur die außergewöhnliche Vielfalt der Musik, sondern auch die faszinierenden Möglichkeiten des Konverter-Akkordeons hatten es ihm besonders angetan.
Und so verband dieses Konzert musikalischen Hochgenuss mit einem wichtigen humanitären Anliegen: Die 640 Euro Spenden, die an diesem Abend gesammelt wurden, kommen Projekten in der Ukraine zugute.
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