Mitdenken, mitreden, machen
Was braucht ein Verein, um auch morgen noch gut aufgestellt zu sein? Darauf gibt es keine einfache Antwort – und schon gar keine, die für alle gleichermaßen passt. Genau das zeigt auch die Arbeit der Zukunfts-AGs des DHV. Menschen aus unterschiedlichen Vereinen, Regionen und Funktionen haben ihre Erfahrungen zusammengetragen, diskutiert und daraus gemeinsam Ideen entwickelt.
Mit dabei waren Beate Brinkmann aus der AG „Kooperationen und Beteiligungsformate“, Melanie Backes aus der AG „Bildung und Fortbildung“ und Benjamin Volz aus der AG „Kommunikation, Marketing und Image“. Oliver Schieren begleitete die Arbeit im Lenkungskreis. Vier Perspektiven auf ein gemeinsames Projekt – und auf die Frage, was passiert, wenn diejenigen an der Weiterentwicklung eines Verbandes beteiligt werden, die seine Herausforderungen aus der Praxis kennen.
Aus der Praxis für die Praxis
Denn die Fragen, mit denen die Beteiligten in die Zukunfts-AGs starteten, kamen unmittelbar aus ihrem eigenen Engagement. Wie lassen sich neue Mitspielende gewinnen? Wie erreicht ein Orchester mehr Publikum? Wie gelingt gute Pressearbeit? Welche Unterstützung gibt es bereits – und wie können Vereine davon profitieren?
Beate Brinkmann beschäftigten solche Fragen aus der Perspektive ihres Akkordeon-Orchesters Köln-Deutz. Zugleich wollte sie wissen, ob die Ideen und Wünsche, die beim DHV-Kongress 2023 entstanden waren, tatsächlich auf Vereinsebene relevant und umsetzbar sind. Rückblickend kann sie diese Frage eindeutig mit „ja“ beantworten.
Auch für Benjamin Volz stand der praktische Nutzen von Anfang an im Mittelpunkt. Er ging zwar ohne konkrete Erwartungen in die AG-Arbeit, dafür mit dem Wunsch, etwas zu schaffen, „was den Vereinen in der Praxis spürbar hilft“ – beispielsweise bei Reichweite, Konzertpublikum oder Mitgliedergewinnung. Melanie Backes wiederum hatte bereits der DHV-Kongress in Schmitten darin bestärkt, sich an der Weiterentwicklung des Verbandes zu beteiligen. Sie war vor allem gespannt auf andere Menschen, Meinungen, Herausforderungen und Lösungsansätze. Oliver Schieren brachte im Lenkungskreis Erfahrungen mit Maßnahmen ein, die im eigenen Verein bereits umgesetzt worden waren.
Damit traf in den Zukunfts-AGs nicht nur theoretisches Wissen aufeinander. Zusammen kam vor allem Erfahrungswissen aus ganz unterschiedlichen Bereichen der Akkordeon- und Vereinslandschaft. Und schnell zeigte sich: Viele Vereine beschäftigen ähnliche Fragen – ihre Ausgangslagen können dennoch völlig verschieden sein.
Es gibt nicht die eine Lösung
Gerade diese Vielfalt zieht sich durch die Rückblicke der Beteiligten. Vereine unterscheiden sich in ihrer Größe und Struktur, in ihren Möglichkeiten und in der Unterstützung, die sie vor Ort erhalten. Was in einem Verein gut funktioniert, lässt sich deshalb nicht zwangsläufig eins zu eins auf einen anderen übertragen.
Für Brinkmann wurde diese Erkenntnis zu einem der prägenden Eindrücke aus der AG-Arbeit. Die Bandbreite reiche von kleinen, komplett eigenständigen Orchestern bis zu großen, stark vernetzten Vereinen. „Es kann nicht die eine Lösung geben“, fasst sie zusammen.
Genau darin lag zugleich eine der Herausforderungen des Projekts: Aus vielen individuellen Erfahrungen sollten Ergebnisse entstehen, die möglichst vielen Vereinen weiterhelfen können. Dafür mussten die Beteiligten nicht nur eigene Ideen einbringen, sondern auch bereit sein, andere Perspektiven ernst zu nehmen und gemeinsam Prioritäten zu setzen.
Dass das nicht immer reibungslos funktioniert, gehört ebenfalls zur Geschichte der Zukunfts-AGs. Melanie Backes beschreibt offen, wie unterschiedliche Vorerfahrungen, regionale Gegebenheiten und persönliche „Steckenpferde“ das Ringen um Schwerpunkte und Ziele prägten. Schon beim Präsenztreffen in Wiesbaden standen grundlegende Fragen im Raum: Welche Aspekte sind besonders wichtig? Wie soll der große Themenkomplex angegangen werden? Und was kann eine AG überhaupt leisten? Auch die Terminfindung erwies sich bei ehrenamtlich Engagierten als Herausforderung.
Beteiligung bedeutet damit nicht automatisch Einigkeit. Im Gegenteil: Unterschiedliche Sichtweisen gehören dazu. Entscheidend ist, daraus gemeinsame Lösungen zu entwickeln. Für Backes liegt genau darin eine wichtige Erfahrung aus dem Projekt: „Offen sein, anderen zuhören können und andere Meinungen gelten lassen schafft ein konstruktives Miteinander.“
Nicht alles neu erfinden
Der Blick über den eigenen Verein hinaus hatte noch einen weiteren Effekt: Er machte sichtbar, was andernorts bereits funktioniert – und welche Angebote schon vorhanden sind. Brinkmann stellte beispielsweise fest, dass es hilfreiche Informationen und Unterstützungsangebote gibt, die ihr zuvor gar nicht bekannt waren. Ihr Fazit: „Wir müssen das Rad nicht neu erfinden.“
Die Zukunfts-AGs waren damit nicht nur ein Ort, an dem Neues entwickelt wurde. Sie ermöglichten auch, vorhandenes Wissen zusammenzubringen, Erfahrungen weiterzugeben und voneinander zu lernen. Herausforderungen, die im eigenen Verein zunächst sehr individuell erscheinen, beschäftigen oft auch andere. Umgekehrt können Lösungswege aus anderen Vereinen Impulse für die eigene Arbeit liefern.
Das erklärt auch, warum in mehreren Interviews der Austausch selbst als wichtiger Gewinn der Mitarbeit erscheint. Die Beteiligten erlebten, dass sie mit ihren Fragen nicht allein sind – und dass überregionale Zusammenarbeit den eigenen Blick erweitern kann. Trotz unterschiedlicher Ausgangslagen verband sie dabei ein gemeinsames Interesse: die Begeisterung für die Musik und der Wunsch, Vereine und Akkordeonmusik weiter voranzubringen.
Vom Austausch ins Machen kommen
Doch Austausch allein war nicht das Ziel. Am Ende sollten aus den Diskussionen Ergebnisse entstehen, mit denen Vereine tatsächlich arbeiten können. Dieser Anspruch war hoch. Volz beschreibt als besondere Herausforderung, dass die AG Leistungen erbringen wollte, für die externe Dienstleister teilweise deutlich mehr Zeit und Geld benötigt hätten – mit dem Anspruch, dennoch ein mindestens gleichwertiges Ergebnis für die Vereine zu schaffen. Gleichzeitig beeindruckte ihn, wie engagiert und ergebnisorientiert innerhalb der AG gearbeitet wurde.
Auch Schieren beschreibt, dass gute Ideen allein nicht genügen. Maßnahmen brauchen eine Gesamtidee, Zeit und vor allem Durchhaltevermögen. Erfahrungen aus der Praxis so zu bündeln, dass sie kompakt und für andere nutzbar werden, war für ihn eine Herausforderung. Sein Fazit aus der Zusammenarbeit ist entsprechend pragmatisch: „Am Ende aller Tage geht’s darum, ins ‚Machen‘ zu kommen.“
Genau hier schließt sich der Kreis zwischen Beteiligung und Umsetzung. Die Zukunfts-AGs sollten nicht nur Raum dafür schaffen, Wünsche zu äußern, sondern Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen an konkreten Ergebnissen arbeiten lassen.
Gemeinsam geht mehr
Was bleibt den Beteiligten selbst aus diesem Prozess? Vor allem die Erfahrung, mit den Herausforderungen der Vereinsarbeit nicht allein zu sein. Brinkmann nimmt nach eigener Aussage „eine große Portion Optimismus“ mit. Gerade das Wissen, dass auch andere Vereine beispielsweise mit Nachwuchssorgen kämpfen, gebe neuen Schwung für die eigene Arbeit. Schieren formuliert es ähnlich: „Man ist nicht alleine.“ Wer ins Handeln komme und Durchhaltevermögen mitbringe, habe eine echte Chance, etwas positiv zu verändern.
Gleichzeitig zeigt sich in den Interviews ein zweiter Effekt von Beteiligung: Wer mitdiskutiert und an Lösungen mitarbeitet, entwickelt einen anderen Bezug zum Ergebnis. Volz bringt diesen Gedanken besonders prägnant auf den Punkt: „Nur wer im Prozess beteiligt war, kann sich auch wirklich mit dem Ergebnis identifizieren.“
Mitgestaltung bedeutet damit auch, Verantwortung für die eigene Zukunft nicht allein „dem Verband“ oder einzelnen Verantwortlichen zu überlassen. Erfahrungen aus Vereinen können in die Verbandsarbeit einfließen – und Erkenntnisse aus dem gemeinsamen Prozess wiederum zurück in die Vereine wirken. Für Backes gehört dazu auch, Netzwerke über den eigenen Verein und die eigene Region hinaus aufzubauen. Für Brinkmann ist der Austausch eine Möglichkeit, Kreativität und Erfahrungen vieler engagierter Menschen zu bündeln.
Volz spricht deshalb von einer großen „Hebelwirkung“: Wer sich an der Weiterentwicklung beteiligt, könne „an der Wurzel gestalten, statt sich mit Symptomen herumzuschlagen“. Oder, wie Schieren es zusammenfasst: Gemeinsam ist man besser und „stärker“ – und bleibt „am Puls der Zeit“.
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