Bereits das Ambiente hätte passender kaum sein können. Vor der historischen Kulisse des Herrenhauses begrüßte Raimund Hegewald vom Förderverein Rittergut Orr e.V. die zahlreichen Besucherinnen und Besucher, die es sich trotz hochsommerlicher Temperaturen von rund 33 Grad auf Bänken und Klappstühlen im Schatten der alten Parkbäume gemütlich machten. Er erläuterte zugleich den besonderen Charakter der Veranstaltung: Die am Ausgang gesammelten Spenden kamen nicht den beiden Projektorchestern zugute, sondern der musikalischen Bildung von Kindern und Jugendlichen in Pulheim – ein schöner Gedanke, der die generationsenübergreifende Kraft der Musik zusätzlich unterstrich. Sabine Kölz moderierte das Programm beider Orchester – mit einigen Informationen zu den Stücken und zur Probenarbeit, die Begrüßung durch das Gastorchester aus Baden-Württemberg übernahm Manfred Kappler, Vizepräsident des Deutschen Harmonika-Verbands und Präsident des Landesverbands Baden-Württemberg. Im Publikum war Matthias Hennecke, Vorsitzender des Deutschen Harmonika-Verbandes Nordrhein-Westfalen.
Dass dieses Konzert weit mehr als ein gewöhnlicher Gastauftritt war, zeigte sich bereits in seiner Entstehungsgeschichte. Nachdem das LandesSeniorenAkkordeonOrchester Nordrhein-Westfalen vor zwei Jahren in Baden-Württemberg konzertiert hatte, folgte nun die Gegeneinladung zum gemeinsamen Musizieren in Nordrhein-Westfalen: Beim Bundesmusiktreffen 60plus 2024, einem Festival des Bundesmusikverbandes Chor & Orchester, in Bruchsal bestritten beide Orchester Konzerte. Inzwischen sind aus den Begegnungen zahlreiche persönliche Freundschaften entstanden.
Erfolgsmodell Nordrhein-Westfalen
Das LandesSeniorenAkkordeonOrchester Nordrhein-Westfalen wurde 2014 im Deutschen Harmonika-Verband Nordrhein-Westfalen von Matthias Hennecke gegründet. Auslöser war das Bundesmusiktreffen 60plus 2013 in Bad Kissingen. Das Projekt richtet sich an Akkordeonspielerinnen und -spieler über 60 Jahre – von erfahrenen Orchestermusikern über Wiedereinsteiger bis hin zu ambitionierten Neulingen. Dabei versteht sich das Ensemble ausdrücklich nicht als Konkurrenz zu bestehenden Vereinsorchestern, sondern als wertvolle Ergänzung der nordrhein-westfälischen Orchesterlandschaft. Auch Instrumentalistinnen und Instrumentalisten an Bass, Keyboard, Schlagzeug oder weiteren Instrumenten gehören zum Klangkörper.
Als Gründungsdirigentin konnte Sabine Kölz gewonnen werden, die das Orchester bis heute leitet. Regelmäßige Probenwochenenden und Tagesproben bilden die Grundlage für Konzertauftritte, unter anderem beim Landesmusikfest NRW in Recklinghausen, im Festsaal der SBK Sozial-Betriebe Köln sowie bei Saisonabschlusskonzerten des LandesJugendAkkordeonOrchesters Nordrhein-Westfalen in der Historischen Stadthalle Wuppertal.
Ein einzigartiges Projekt in Baden-Württemberg
Das LandesSeniorenAkkordeonOrchester Baden-Württemberg wurde 2021 gegründet und zählt inzwischen 51 Musikerinnen und Musiker aus dem gesamten Bundesland. Es ist das einzige Senioren-Landesorchester Baden-Württembergs und wird durch Fördermaßnahmen des Landes unterstützt. Dreimal jährlich trifft sich das Ensemble zu intensiven Probenwochenenden. Die Mitglieder investieren dabei erhebliche Zeit und auch eigene finanzielle Mittel, um Teil dieses besonderen Klangkörpers sein zu können.
Mit einer bewusst auf maximal 55 Aktive begrenzten Besetzung bleibt das Orchester flexibel und konzertfähig. Neben Akkordeons gehören Percussion, Schlagwerk, Keyboard, Elektronien und Mundharmonika selbstverständlich dazu. Besonders bemerkenswert: Auch ein Spieler der diatonischen Handharmonika wirkt mit, der in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag feiern konnte. Diese vielseitige Besetzung eröffnet nahezu grenzenlose stilistische Möglichkeiten.
Für das Konzertwochenende reisten die Musikerinnen und Musiker bereits am Freitag gemeinsam per Reisebus nach Nordrhein-Westfalen. Nach einem intensiven Probentag im Tagungshotel in Brühl-Vochem folgte am Sonntag die gemeinsame Matinee im Rittergut Orr, bevor die Heimreise angetreten wurde.
Zwei Orchester – ein musikalisches Feuerwerk
Den Auftakt gestaltete das 18-köpfige LandesSeniorenAkkordeonOrchester Nordrhein-Westfalen. Bereits mit „Best of Roy Orbison“, zusammengestellt und arrangiert von Jürgen Moll, sprang der musikalische Funke sofort auf das Publikum über. Die bekannten Titel „Pretty Woman“, „Unchained Melody“ und „You Got It“ entfalteten auf dem Akkordeon einen überraschend authentischen Pop-Sound.
Mit „You’ve Got a Friend“ von Carole King im Arrangement von Jürgen Moll, „Cherish“ von Kool & the Gang sowie „Eloise“ von Barry Ryan, beide arrangiert von Hans-Günther Kölz, demonstrierte das Orchester eindrucksvoll die stilistische Bandbreite moderner Akkordeonorchester. Einen reizvollen Kontrast setzte anschließend „Plink! Plank! Plunk!“ von Leroy Anderson im Arrangement von Wolfgang Ruß – ohne Schlagwerk, bevor „Sweet Caroline“ von Neil Diamond, arrangiert von Hans-Günther Kölz, das Publikum hörbar zum Mitsummen und Mitsingen animierte.
Im zweiten Konzertteil übernahm das 41-köpfige LandesSeniorenAkkordeonOrchester Baden-Württemberg die Bühne und überzeugte ebenso eindrucksvoll. Den Beginn machte „Love’s Theme“ von Barry White im Arrangement von Harald Benkert mit seinem warmen, orchestralen Klang. Es folgte der farbenreiche „Musical Mix“, zusammengestellt und arrangiert von Wolfgang Ruß, der bekannte Disney-Melodien zu einem mitreißenden Medley verband. Mit „Fields of Gold“ von Sting, arrangiert von Hans-Günther Kölz, bewies das Orchester große Ausdruckskraft und Klangkultur.
Passend zu den sommerlichen Temperaturen durfte „Ice in the Sunshine“ von der Original Beagles Music Ltd. im Arrangement von Wolfgang Ruß nicht fehlen. Anschließend sorgte die „80er Party“, ebenfalls zusammengestellt und arrangiert von Wolfgang Ruß, mit Hits wie „99 Luftballons“, „Schickeria“, „Skandal im Sperrbezirk“ und „Er gehört zu mir“ für beste Stimmung. Den Abschluss des Einzelprogramms bildete „Ein Leben lang“ der Fäaschtbänkler, das eine etwas volkstümliche Facette der Akkordeonmusik einbrachte.
Ein Finale voller Symbolkraft
Zum Abschluss vereinigten sich beide Klangkörper zu einem großen Gemeinschaftsorchester. Rund 60 Musikerinnen und Musiker musizierten gemeinsam „Amigos para siempre“ von Andrew Lloyd Webber im Arrangement von Matthias Hennecke. Das Werk entstand 1992 als offizieller Song der Olympischen Sommerspiele in Barcelona und wurde damals von Sarah Brightman und José Carreras weltweit bekannt gemacht. Kaum ein anderes Stück hätte diesen Konzertabschluss treffender beschreiben können. „Freunde für immer“ – dieser Titel spiegelte nicht nur die enge Verbundenheit der Musikerinnen und Musiker innerhalb ihrer jeweiligen Projektorchester wider, sondern ebenso die inzwischen gewachsene Freundschaft zwischen den beiden LandesSeniorenAkkordeonOrchestern. Gemeinsame Proben, gegenseitige Besuche und zahlreiche private Kontakte machen deutlich, dass hier weit mehr entstanden ist als eine musikalische Kooperation.
Die begeisterten Reaktionen des Publikums bestätigten eindrucksvoll, welch Potenzial in diesen beiden Ensembles steckt. Das Konzert war zugleich ein überzeugendes Plädoyer für das lebenslange Musizieren und ein beeindruckender Beweis dafür, wie facettenreich das Akkordeon als Instrument des Jahres 2026 klingen kann – von Pop und Musical über Filmmusik bis hin zu orchestralen Klangfarben. Man darf sich schon jetzt auf die nächsten Begegnungen dieser beiden Projektorchester freuen.
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