In der städtischen Musikschule in Waldkirch erprobt das Kollegium seit vielen Jahren unter der Leitung von Stefan Goeritz innovative, musikpädagogische Unterrichtskonzepte. Am Anfang stand die Vision eines Musizierlernhauses, zu dem sich die Musikschule über viele Jahre hin entwickelt hat und bestimmt auch in Zukunft noch weiter entwickeln wird. Ein Haus, in dem musiziert und gelernt wird. Ein Haus, in dem gemeinsam gespielt, gesungen improvisiert und komponiert wird. Ein Haus, in dem Kinder und Jugendliche auf Entdeckungsreise gehen können und lernen, die Verantwortung für ihr eigenes Spiel zu übernehmen. Ein Haus, in dem miteinander und voneinander gelernt wird. Ein Haus, in dem Lehrkräfte beraten, anregen und helfen, sowie selbst lernen und üben. Ein Haus, in dem Lernzeit im Mittelpunkt steht, nicht das klassische „Unterrichten“.
Für all das braucht es aber Zeit, die heute immer knapper zu werden scheint. Mit dem Ausbau der Ganztagesbetreuungsplätzen an Schulen, steigt die Sorge um die fehlende Zeit für (musikalische) Hobbies, besonders am Nachmittag. Für musikpädagogische Fachkräfte wird es so immer schwerer einen Stundenplan zu erstellen, der allen Altersstufen gerecht wird, denn abends fehlt den Kindern Energie und Konzentration nach einem langen Schultag mit anschließender Betreuung…
Aus diesem Grund umfasst das Angebot des Musizierlernhauses in Waldkirch auch einmal pro Woche eine musikalische Ganztagesbetreuung für Grundschulkinder. Für die ersten und zweiten Klassen werden die Fächer Akkordeon, Blockflöte, Gitarre und Streichinstrumente angeboten, ab Klasse drei kommen Holz- und Blechblasinstrumente im Rahmen der Bläserklasse dazu. Zunächst aus der Not geboren, hat sich dieses Ganztageskonzept in den letzten Jahren bewährt und zu einem nicht mehr wegzudenkenden Baustein in der städtischen Musiklandschaft entwickelt. Jeden Mittwochnachmittag spazieren nach Schulschluss um 13 Uhr circa 40 Kinder, begleitet von ihren Instrumentallehrkräften, von der benachbarten Grundschule ins Musizierlernhaus (Gisela Sick Bildungshaus). Dort verbringen sie den Nachmittag in einer gemeinschaftlichen, pädagogisch und künstlerisch inspirierenden Umgebung. Bis 15:30 Uhr sind die Kinder somit musikalisch betreut, das Angebot „MiMiMu“ (Mittwoch-Mittag-Musik) umfasst insgesamt drei Blöcke à 45 Minuten. Im Wechsel erhalten die Lernenden so Unterricht am Instrument oder eignen sich spielerisch in der Gruppe musikalische Basiskompetenzen an.
Diese „musikalischen Spiele“ sind ein fester Bestandteil des Lernkonzeptes in Waldkirch und erfreuen sich großer Beliebtheit: Durch das Spielen von Rhythmus-Bingo, Klang-Memory, Notenwort-Rätseln, musikalischen Karten- und Brettspielen, werden von den Kindern ganz nebenbei in gemütlicher Atmosphäre musikalische Grundlagen erlernt. Nicht selten erleben die Lehrkräfte dann im Instrumentalunterricht eine Überraschung, wenn ein Zweitklässler fachmännisch erklärt, was „accelerando“ bedeutet, da er diesen Fachbegriff eine Stunde zuvor bei einem Kartenspiel kennengelernt hat. Die Fachkräfte werden bei der Betreuung dieses Angebots von Jugendlichen unterstützt, die im Rahmen einer geringfügigen Beschäftigung bei der städtischen Musikschule jobben können. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Auch das Nutzen einer einheitlichen Rhythmussprache bei den verschiedenen Spielen gehört zum Konzept und so wird im Instrumentalunterricht dann weiter damit gespielt. Aber die grundlegende Idee des Spielens geht weit darüber hinaus: Im Spiel entfalten Kinder ein Maximum an Kreativität und Problemlösungsstrategien. Sie lernen Spielregeln kennen, die erweitert oder verändert werden können, also grundlegende Prinzipien, die sich auf das Musizieren übertragen lassen. Nicht umsonst widmen sich verschiedene wissenschaftliche Disziplinen wie Entwicklungspsychologie, Spielpädagogik und Neurowissenschaften diesem Thema, mit dem Ergebnis, dass das kindliche Spiel eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung und das Lernen ganz allgemein ist. Der Begriff „Spielen“ wird spannenderweise in vielen Sprachen in Zusammenhang mit dem Musizieren verwendet. Wir „spielen“ ein Instrument oder ein bestimmtes Stück, das Wort Spielfreude fällt häufig in Verbindung mit einem musikalischen Vortrag. Letztlich geht es beim Waldkircher Ganztageskonzept genau darum: Spielfreude durch Gemeinschaft erleben und entwickeln.
Ein großer Vorteil dabei ist die Vielfalt: Die unterschiedliche Klangerzeugung der verschiedenen Instrumentengruppen regen zu ganz unterschiedlichen Spielweisen an: Ein gezupfter Ton kling anders als ein geblasener, oder einer der mit dem Balg des Akkordeons erzeugt wird. Dadurch lernen die Kinder schon früh eine große Bandbreite an differenzierten Klängen und Geräuschen kennen, die ihr Spiel und den Ausdruck am eigenen Instrument positiv beeinflussen. Unabhängig von den instrumentalen Unterschieden gibt es ein verbindendes Element: Jährlich legen die Lehrkräfte gemeinsam ein Thema für das große Abschlusskonzert am Ende des Schuljahres fest. Auf dieses Konzert arbeiten alle Instrumentalklassen gemeinschaftlich hin und jeder trägt seinen Teil dazu bei, sei es in Form von selbst gebasteltem Bühnenbild, einem Instrumentalstück in den unterschiedlichsten Besetzungen oder einem Lied, was die ganze Gruppe gemeinsam singt.
Und hier zeigt sich der größte Vorteil des Konzeptes: Es sind keine zusätzlichen Probentermine nötig, alles passiert wie von selbst am Mittwoch Nachmittag. Ein fachlicher Austausch zwischen den Lehrkräften ist jederzeit möglich und sehr bereichernd. Kinder können jederzeit in einem der Übe-Räume selbständige Lernzeit nutzen und gemeinsam mit Schulfreunden musizieren, unabhängig davon, welches Instrument sie spielen. Von kleinen kammermusikalischen Besetzungen bis hin zum großen MiMiMu-Orchester ist am Ende alles dabei und so entsteht jedes Jahr ein vielfältiges Abschlusskonzert, was die Gemeinschaft weiter stärkt und dazu führt, dass sich das Konzept von Jahr zu Jahr weiterentwickelt.
Karin Fleck studierte Akkordeon an der Hochschule für Musik Freiburg bei Prof. Teodoro Anzellotti und schloss dort 2013 ihr Master-Studium sehr erfolgreich ab. Parallel dazu absolvierte sie den Diplomstudiengang Musik und Bewegung/ Rhythmik, den sie 2012 mit Bestnote abschloss. Der pädagogische Schwerpunkt innerhalb ihres Studiums, sowie die mehrjährige Erfahrung, ermöglichen ihr eine qualifizierte Unterrichtstätigkeit unter anderem an der Musikschule Markgräflerland und der Musikschule Waldkirch. Außerdem unterrichtete sie 2019 Akkordeonmethodik an der Hochschule für Musik Freiburg und hat diesen Lehrauftrag auch seit dem Wintersemester 2024/25 inne. Die Künstlerin lebt in Freiburg und konzertiert regelmäßig solistisch und in verschiedenen Kammermusikbesetzungen. Zahlreiche Auftritte gemeinsam mit befreundeten Musikern, das Mitwirken in drei Musiktheaterproduktionen am Stadttheater in Freiburg, oder beim Philharmonischen Orchester in Freiburg, sind nur einige Beispiele für ihr bisheriges künstlerisches Wirken. Sie ist seit 2019 Mitglied der Freiburger Klezmer Band „Yankeles“ und der Formation „Babel Lokalklang“. Mit Antonia Gadinger (Querflöte) ist sie seit ihrer gemeinsamen Studienzeit regelmäßig als „Duo Flakkanto“ zu hören. Seit einigen Jahren beschäftigt sie sich außerdem intensiv mit Rahmentrommeln und ist Absolventin der Framedrum-Academy unter der Leitung von Murat Coşkun und Philipp Kurzke. Von Trompeter Stephen Altoft lässt sie sich regelmäßig zu gemeinsamen Improvisationen inspirieren. Auf diese Weise erforscht sie mit ihm zusammen die unzähligen musikalischen Möglichkeiten, die die Besetzung Akkordeon und Trompete – neben der Interpretation von Werken unterschiedlicher Stilistik – bieten. Seit September 2025 leitet sie das Hauptorchester des Akkordeonorchesters Heitersheim e.V. Außerdem engagiert sie sich im Bundesvorstand des Deutschen Akkordeonlehrerverbandes.
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