Gleich zu Beginn setzte das Orchester mit „Libertyn“ vom Motion Trio ein erstes Statement: freie Bewegung und klangliche Transparenz. Doch der Höhepunkt folgte unmittelbar darauf – und dauerte rund 25 Minuten: die „Symphonischen Tänze“ aus der West Side Story von Leonard Bernstein. Bernsteins 1957 uraufgeführtes Broadway-Musical, basierend auf William Shakespeares „Romeo und Julia“, verlegt die Tragödie in das New York der 1950er Jahre, wo rivalisierende Jugendbanden von Puerto Ricanern und US-Amerikanern aufeinandertreffen. 1960 stellte Bernstein aus den besten musikalischen Nummern die „Symphonischen Tänze“ zusammen – eine Suite, in der ein Hit den nächsten jagt. In der Fassung für Akkordeonorchester entfaltete dieses Werk eine beeindruckende Wirkung. ArtAccA musizierte in großer Besetzung: Die Stimmen 1 bis 3 waren jeweils siebenfach besetzt, ergänzt durch fünf Spielerinnen und Spieler in der 4. Stimme sowie drei Bässen. Hinzu kamen vier Electronien, E-Piano und eine fünfköpfige Schlagwerkgruppe. Eine Gesamtprobe mit allen Schlagwerkern war erst am Vortag möglich. Dennoch saß jeder Einsatz. Dirigent Tobias Dalhof zeigte sich am Ende hochzufrieden mit diesem exzellenten Durchlauf.
Das gesamte Programm spiegelte die enorme stilistische Bandbreite des Orchesters wider – unter anderem mit drei Originalkompositionen für Akkordeonorchester. Mit der „Keniade“ von Fritz Dobler erklang eines der beliebtesten Originalwerke für Höchststufen-Orchester. In vier charakteristisch ausgearbeiteten Sätzen – „Allegro moderato – Mit Herbert auf Safari“, „Valse lento – Hippos Liebesspiele“, „Capriccio – Springböcke“ und „Moderato – Meeting der Massai-Krieger“ – verband Dobler programmatische Bildhaftigkeit mit moderner Orchestersprache in klaren Strukturen. Mit „Two Tango“ von Ian Watson erklang ein Werk voller Spannung und Hingabe – ein musikalisches Spiel aus Nähe und Distanz. Die „Tarantella arrabiata“ von Hans-Günther Kölz ergänzte das Programm mit rasanten Läufen, mitreißender Energie und tänzerischer Leichtigkeit.
Auch bei den Bearbeitungen überzeugte ArtAccA mit stilistischer Authentizität und rhythmischer Klarheit. „Blue Rondo à la Turk“ von Dave Brubeck mit seinem charakteristischen 9/8-Takt verband orientalisch anmutende Rhythmik mit jazziger Freiheit. Ebenso wirkungsvoll: „Take Five“ von Paul Desmond im 5/4-Takt. Im Arrangement von Ralf Schwarzien steigerte sich das Stück zu einem rhythmischen Finale, bei dem acht Orchestermitglieder hinten die Percussion-Sektion bildeten – und der Dirigent selbst zusätzlich neben dem Dirigentenpult auf dem Cajón spielte. Dafür gab es besonders viel Applaus zum Abschluss des ersten Konzertteils.
Die zweite Konzerthälfte begann atmosphärisch dicht mit „Serpent“ von Herbert Pixner – ein Werk, das sich klanglich wie eine Schlange durch den Raum windet und Bewegung als musikalisches Prinzip erfahrbar macht. Es folgte „Historia de un Amor“, jene unvergängliche Ballade von Carlos Eleta Almarán, die von Liebe, Verlust und Erinnerung erzählt – ein Lieblingsstück von Moderatorin Martina Bialas, deren kenntnisreiche und oft witzige Moderationen das Publikum charmant durch den Abend führten. Mit dem „Tango pour Claude“ von Richard Galliano verband sich melancholische Tiefe mit leidenschaftlicher Expressivität. „Riverdance“ von Bill Whelan brachte pulsierenden Drive und irische Tanzenergie auf die Bühne, bevor mit „Conga“ von Gloria Estefan und der Miami Sound Machine (1985) lateinamerikanische Rhythmen und zeitgemäße Popklänge den Saal in Bewegung versetzten.
Zwei Zugaben krönten den Abend: Zunächst die Serenade von Derek Bourgeois – ein im 11/8- und 13/8-Takt komponiertes Hochzeitsgeschenk an seine Frau, das in seiner schwebenden Rhythmik zugleich beruhigend und spannend wirkt. Anschließend sorgte „Sandstorm“ des finnischen DJs Darude für elektrisierende Energie und ein Finale, das in stehenden Ovationen mündete.
Dieses Konzert zeigte eindrucksvoll, welches künstlerische Niveau Auswahl-Akkordeonorchester heute erreichen können: komplexe Originalkompositionen, anspruchsvolle Arrangements, ungewöhnliche Taktarten und rhythmische Präzision verschmolzen zu einem homogenen, leidenschaftlich musizierten Gesamterlebnis. Die sichtbare Spielfreude der Musikerinnen und Musiker übertrug sich unmittelbar auf das Publikum – ganz im Sinne des Konzertmottos.
Tobias Dalhof gab zum Abschluss einen Ausblick: Im nächsten Jahr am 21. Februar 2027 spielt ArtAccA wieder im Theater Marl mit den Motto „ArtAccA Royal – Wenn Musik zur Krönung wird!“. Auf dem Programm stehen unter anderem „Pomp and Circumstance“ von Edward Elgar sowie „Four Kingdoms“ von Ian Watson. Als besondere Gäste werden „The Royal Squeeze Box“ dabei sein, das bekannte Duo Gesang/Akkordeon, das wirkungsvolle Arrangements von Queen-Songs mitbringt. Man darf gespannt sein auf diese Zusammenarbeit, die die klanglichen Möglichkeiten des Akkordeons in königlichem Glanz erstrahlen lassen wird.
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