Mit dem Ganztagesförderungsgesetz (GaFöG) wird ab dem Schuljahr 2026/27 schrittweise ein Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung für Grundschulkinder eingeführt. Für viele Schülerinnen und Schüler bedeutet das, dass sie künftig einen deutlich größeren Teil ihres Tages in der Schule verbringen werden.
Für zahlreiche Amateurmusikvereine stellt sich deshalb eine zentrale Frage: wenn Kinder künftig bis in den Nachmittag hinein in der Schule sind, bleibt dann überhaupt noch Zeit für Musikunterricht im Verein?
Diese Sorge ist durchaus nachvollziehbar und begegnet mir in Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen immer wieder. Gleichzeitig lohnt sich hier ein Perspektivwechsel. Aus meiner Erfahrung als Musikpädagogin, die seit über fünfzehn Jahren mit Kindern im Grundschulalter arbeitet, weiß ich, wie viel musikalische Angebote für Kinder bedeuten, weit über das Musizieren hinaus. Sie eröffnen Räume für Kreativität, Selbstvertrauen und Gemeinschaft. Genau deshalb kann der Ganztag auch eine Chance sein: nämlich dann, wenn es uns gelingt, Musik dorthin zu bringen, wo Kinder einen großen Teil ihres Tages verbringen – in die Schule.
Musikangebote im schulischen Ganztag
In Berlin ist der Ganztag an vielen Grundschulen schon seit Jahren der Standard. In meiner Arbeit als Musikpädagogin erlebe ich immer wieder, welche Vorteile es mit sich bringt, wenn musikalische Angebote direkt im schulischen Kontext stattfinden.
Denn auf diesem Weg erreicht Musik auch Kinder, die sonst vielleicht nie mit einem Instrument in Berührung gekommen wären. In der Musikschule melden sich häufig diejenigen Familien an, die selbst einen Bezug zur Musik haben. In der Schule dagegen treffen musikalische Angebote auf eine viel größere Vielfalt an Lebensrealitäten.
Gerade hier entstehen niedrigschwellige Zugänge zur Musik. Kinder beginnen nicht zu musizieren, weil ihre Eltern sie angemeldet haben, sondern weil sie selbst neugierig geworden sind und es ausprobieren möchten. Musik wird so nicht als exklusives Angebot wahrgenommen, sondern als etwas, das allen offensteht. Kinder entdecken ihre Fähigkeiten, probieren sich aus und erleben, wie viel Freude gemeinsames Musizieren machen kann. Im schulischen Kontext lernen Kinder Musik meist von Anfang an in der Gemeinschaft mit Gleichaltrigen kennen. Genau dort entdecken viele ihre Freude am Musizieren: nicht allein, sondern als Teil einer Gruppe. Dieses Gemeinschaftserlebnis ist auch das Herz vieler Amateurmusikvereine.
Solche Angebote brauchen engagierte Lehrkräfte und Kooperationen zwischen Schulen, Musikvereinen oder Musikschulen. Häufig spielen auch Förderprogramme eine wichtige Rolle. Gleichzeitig bedeutet das in der Praxis oft: Konzepte entwickeln, Projektpartner finden und Fördermittel beantragen.
Kooperationen zwischen Schule und Verein
In Berlin ermöglicht zum Beispiel der „Projektfonds Kulturelle Bildung“ Kooperationen zwischen Schulen und externen Kulturpartnern. Dabei entwickeln Schule und Verein gemeinsam ein künstlerisch-pädagogisches Projekt, das über einen längeren Zeitraum im Schulalltag stattfindet. Häufig arbeiten mehrere Gruppen parallel, etwa Instrumentalunterricht, Gesang, Bewegung oder darstellendes Spiel. Gegen Ende des Projekts kommen alle Beteiligten zusammen, um gemeinsam zu proben und die einzelnen Elemente zu verbinden. Am Schluss steht oft eine Aufführung, bei der die Kinder präsentieren können, was sie erarbeitet haben. Auch in anderen Bundesländern existieren entsprechende Programme, etwa JeKits in Nordrhein-Westfalen oder der Kulturkoffer in Hessen. Bundesweit unterstützt zudem das Programm „Kultur macht stark“ Kooperationen zwischen Schulen und außerschulischen Partnern. Solche Förderstrukturen schaffen gute Voraussetzungen dafür, musikalische Projekte umzusetzen und so eine Verbindung zwischen Schule und Verein zu etablieren.
Gruppenunterricht als Chance
Im Ganztag eröffnen sich dabei unterschiedliche Möglichkeiten für das Klassenmusizieren. Neben Instrumentalunterricht, z.B. mit Melodica, Mundharmonika oder Akkordeon, können auch Chor- oder Rhythmusgruppen entstehen. Entscheidend ist dabei weniger das Instrument selbst als vielmehr die Möglichkeit, von Anfang an miteinander Musik zu machen. Instrumentalunterricht findet im schulischen Kontext häufig in Gruppen statt, oft mit deutlich mehr Kindern, als man es aus traditionellen Unterrichtsformen kennt. Damit Gruppenunterricht musikalisch funktioniert und seine besondere Dynamik entwickelt, reicht es nicht, Einzelunterricht einfach zu „vervielfachen“. Es braucht eigene didaktische Konzepte, passende Literatur und Lehrkräfte mit Erfahrung im Anleiten von Gruppen. Stücke und Arrangements müssen so aufgebaut sein, dass Kinder gemeinsam spielen können und der Unterricht braucht neben einer klaren Struktur gleichzeitig auch viel Abwechslung wie Rhythmusspiele, Gesang und Bodypercussion, damit alle Kinder aktiv beteiligt bleiben. Moderne Stücke, Demos und Playbacks schaffen zusätzliche Motivation und machen es vielen Kindern leichter, auch zu Hause ihr Instrument zur Hand zu nehmen. In den vergangenen Jahren sind dafür zunehmend Materialien entstanden, die speziell für den Unterricht mit Kindergruppen entwickelt wurden: leicht spielbare, zeitgemäße Songs für zwei oder drei Stimmen, die von Beginn an Mehrstimmigkeit ermöglichen.
Besonders motivierend sind außerdem gemeinsame Ziele. Kleine Auftritte im schulischen Rahmen, bei Festen oder Veranstaltungen geben den Kindern die Möglichkeit zu zeigen, was sie gelernt haben und lassen sie erleben, dass sie Menschen mit ihrer Musik berühren können.
Der Ganztag verändert die Rahmenbedingungen musikalischer Bildungsarbeit, daran besteht kein Zweifel. Gleichzeitig eröffnet er neue Möglichkeiten, Kinder überhaupt erst mit Musik in Berührung zu bringen. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Chance des Ganztags: musikalische Angebote breiter zugänglich zu machen und mehr Kinder für das gemeinsame Musizieren zu begeistern. Eine Kooperation ist kein Verlust, sondern ein Türöffner: wir können mitten im Schulleben unsere Leidenschaft sichtbar machen. Für Musikvereine kann es sich deshalb lohnen, die Möglichkeiten des Ganztags zu erkunden und Kooperationen mit Schulen aktiv zu suchen. Wer sich auf neue Wege einlässt, kann nicht nur zur musikalischen Bildung vieler Kinder beitragen, sondern auch neue Perspektiven für die eigene Nachwuchsarbeit entdecken. Dabei gewinnen am Ende alle: Kinder, Eltern, Schulen und wir!
Über die Autorin:
Vivien Müller ist Musikpädagogin und künstlerische Leiterin der Musikschule VivaMusica in Berlin. Seit über 15 Jahren arbeitet sie mit Kindern im Instrumental-unterricht und konzipiert Gruppenangebote für das gemeinsame Musizieren im Grundschulalter. An ihrer Musikschule sind zahlreiche Kinder in Schulensembles, Schüler- und Jugendorchestern aktiv; regelmäßig entstehen auch größere Musiktheaterprojekte mit über 100 beteiligten Grundschulkindern. Gemeinsam mit Stephan Müller entwickelt sie zeitgemäße, mehrstimmige Kompositionen für den Gruppenunterricht, darunter zum Beispiel „Ready Set Play“ (Bd. 0-2).
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