Mit dem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ab 2026 gewinnt die Zusammenarbeit zwischen Schulen und außerschulischen Partnern weiter an Bedeutung. Auch Akkordeonvereine können hier eine wichtige Rolle spielen. Welche Voraussetzungen für eine Kooperation erfüllt sein müssen, wie Vereine den Einstieg finden und worauf es im Ganztag besonders ankommt, erklärt Frau Gass im Interview.
Frau Gass, viele Vereine beschäftigen sich derzeit mit dem Thema Ganztag. Welche ersten Überlegungen sollten Akkordeonvereine anstellen, wenn sie eine Kooperation mit einer Schule eingehen möchten?
Der erste Schritt besteht darin, die jeweiligen Rahmenbedingungen genau anzuschauen. Schule und Verein sind zwei unterschiedliche Systeme mit eigenen Strukturen, Abläufen und Erwartungen. Deshalb sollte zunächst geklärt werden, welche organisatorischen Voraussetzungen auf beiden Seiten bestehen. Die Schule bringt ihre zeitlichen und organisatorischen Vorgaben mit, der Verein seine personellen und strukturellen Möglichkeiten.
Erst wenn diese grundlegenden Rahmenbedingungen miteinander kompatibel sind, lohnt es sich, über konkrete Angebote nachzudenken. In dieser Phase ist es sinnvoll, gemeinsam Ideen zu entwickeln und zu prüfen, wo sich eine Schnittmenge ergibt. Wichtig ist dabei eine realistische Einschätzung der eigenen Möglichkeiten. Vereine sollten sich ehrlich fragen, ob sie ein Angebot dauerhaft und zuverlässig leisten können.
Wo entstehen in dieser frühen Phase häufig Missverständnisse?
Ein häufiger Stolperstein ist, dass Erwartungen nicht von Anfang an geklärt werden. Vereine gehen manchmal mit der Vorstellung auf Schulen zu, dass diese dringend auf ihr Angebot warten. Mit dieser Haltung treten sie in Gespräche ein und sind dann überrascht, wenn die Resonanz zurückhaltender ausfällt.
Schulen sind grundsätzlich offen für Kooperationen, müssen aber viele organisatorische Vorgaben berücksichtigen. Wenn diese Rahmenbedingungen nicht zusammenpassen, kann eine Zusammenarbeit schwierig werden. Deshalb ist es wichtig, frühzeitig in den persönlichen Austausch zu gehen und gemeinsam zu klären, was beide Seiten tatsächlich leisten können und erwarten.
Wer sind die richtigen Ansprechpartner, wenn ein Verein eine Kooperation anstoßen möchte?
In der Regel sollte der erste Kontakt über die Schulleitung laufen. Lehrkräfte können häufig nicht entscheiden, welche externen Angebote im Ganztag stattfinden sollen. Natürlich gibt es auch Fälle, in denen eine Lehrkraft gleichzeitig im Verein aktiv ist. Daraus können erste Ideen für eine Zusammenarbeit entstehen. Die grundsätzlichen Rahmenbedingungen müssen jedoch in der Regel mit der Schulleitung abgestimmt werden.
Wo können sich Akkordeonvereine über Ganztagsangebote informieren?
Eine wichtige Informationsquelle sind zunächst die Verbände. Dort gibt es bereits zahlreiche Materialien und Beratungsangebote rund um Kooperationen zwischen Schule und Verein. Häufig existieren auch Kooperationsbeauftragte, die Vereine bei Fragen unterstützen und erste Orientierung geben können.
Für Vereine ist außerdem wichtig, sich die Situation vor Ort genau anzuschauen. Ganztagsangebote können unterschiedlich organisiert sein. In manchen Fällen ist die Schule selbst verantwortlich, in anderen Fällen liegt die Organisation bei der Kommune oder bei einem freien Träger. Deshalb kann es sinnvoll sein, auch bei der Kommune nachzufragen, wie die Betreuung konkret organisiert ist und wer als Ansprechpartner für Kooperationen fungiert.
Darüber hinaus lohnt sich ein Blick auf die Informationsangebote des Kultusministeriums. Dort finden sich grundlegende Informationen zu Ganztagsschulen und zu den organisatorischen Modellen, die im jeweiligen Bundesland umgesetzt werden.
Welche Formen der Zusammenarbeit sind im Ganztag grundsätzlich möglich?
Die Bandbreite möglicher Formate ist relativ groß. Häufig sind Arbeitsgemeinschaften, die regelmäßig stattfinden, zum Beispiel einmal pro Woche. Daneben gibt es projektorientierte Angebote, bei denen Schule und Verein gemeinsam auf ein bestimmtes Ziel hinarbeiten, etwa eine Aufführung.
Es sind aber auch weniger regelmäßige Formate möglich, etwa Projekttage oder einzelne musikalische Aktionen im Schuljahr. Entscheidend ist, dass das Format zu den zeitlichen Strukturen der Schule und zu den Ressourcen des Vereins passt.
Welche Formate eignen sich besonders für den Einstieg?
Für den Einstieg sind eher überschaubare Formate sinnvoll. Eine wöchentliche AG ist ein klassisches Modell, weil sie klar strukturiert ist und sich gut in den schulischen Alltag integrieren lässt. Sie erfordert jedoch langfristige Planbarkeit und regelmäßige Ressourcen.
Gerade zu Beginn kann es deshalb hilfreich sein, mit kleineren Formaten zu starten. Manche Vereine gestalten beispielsweise einzelne musikalische Nachmittage oder kommen mehrmals im Jahr an die Schule, um dort musikalische Angebote durchzuführen. Solche niedrigschwelligen Formate ermöglichen es beiden Seiten, die Zusammenarbeit auszuprobieren und erste Erfahrungen zu sammeln. Wichtig ist, dass der Einstieg realistisch geplant wird und die Beteiligten genügend Zeit haben, sich aufeinander einzustellen.
Später können dann auch projektartige Angebote eine Möglichkeit sein, etwa wenn Schule und Verein gemeinsam auf eine Präsentation oder Aufführung hinarbeiten. Solche Projekte erfordern allerdings meist eine intensivere Abstimmung.
Sollten Vereine eher mit einer Schule kooperieren oder mehrere Kooperationen anstreben?
Das hängt stark von der Struktur des jeweiligen Vereins ab. Ein größerer Verein mit angestellten Lehrkräften kann mehrere Kooperationen gleichzeitig umsetzen. Bei Vereinen, die überwiegend ehrenamtlich arbeiten, kann es dagegen schnell schwierig werden, mehrere Kooperationen parallel zu organisieren.
Gerade am Anfang kann es sinnvoll sein, sich zunächst auf eine Kooperation zu konzentrieren und dort Erfahrungen zu sammeln.
Welche Anforderungen werden an die Personen gestellt, die ein Angebot im Ganztag durchführen?
Pädagogische Kompetenzen spielen eine wichtige Rolle. Wenn ein Verein als Kooperationspartner auftritt, bestätigt er gegenüber der Schule, dass das eingesetzte Personal entsprechend qualifiziert ist. Im Ganztag arbeitet man häufig mit größeren und sehr heterogenen Gruppen. Wer ein Angebot durchführt, muss damit umgehen können und in der Lage sein, eine motivierende Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Dazu gehört auch, mit unterschiedlichen Leistungsständen umzugehen oder Kinder zu motivieren, die vielleicht nicht aus eigenem Antrieb an einem musikalischen Angebot teilnehmen. Auch sprachliche Hürden oder unterschiedliche Vorerfahrungen können eine Rolle spielen.
Wie werden solche Angebote finanziert?
Die Finanzierung hängt stark vom jeweiligen Modell vor Ort ab. Bei Ganztagsschulen besteht grundsätzlich die Möglichkeit, Lehrerstunden in Geld umzuwandeln. Dieses Budget kann die Schule nutzen, um externe Partner in den Ganztag einzubinden. In vielen Fällen ist der Verein der Vertragspartner der Schule. Die Schule stellt Mittel zur Verfügung, und der Verein organisiert das Angebot und stellt die Lehrkraft. Die konkrete Vergütung wird dann innerhalb des Vereins geregelt.
Da die Modelle lokal unterschiedlich ausgestaltet sein können, ist es wichtig, frühzeitig mit der Schule oder der Kommune zu klären, welche Finanzierungsmöglichkeiten bestehen und wie die organisatorischen Abläufe geregelt sind.
Was macht eine Kooperation zwischen Schule und Verein langfristig erfolgreich?
Eine erfolgreiche Kooperation hängt vor allem von den beteiligten Menschen ab. Entscheidend ist, dass auf beiden Seiten Personen beteiligt sind, die Interesse an der Zusammenarbeit haben und bereit sind, gemeinsam Ideen zu entwickeln. Kooperation bedeutet immer auch Kommunikation, Abstimmung und gegenseitiges Verständnis.
Ein zentraler Faktor ist außerdem Verlässlichkeit. Schulen müssen sich darauf verlassen können, dass ein vereinbartes Angebot tatsächlich stattfindet und dass Absprachen eingehalten werden. Vereine, die zuverlässig arbeiten und ihre Zusagen erfüllen, werden in der Regel als stabile Partner wahrgenommen.
Ebenso wichtig ist die Bereitschaft zur Anpassung. Vereine bringen ihre eigenen Konzepte und musikalischen Vorstellungen mit, müssen diese aber häufig an die schulischen Rahmenbedingungen anpassen. Dazu gehören etwa Zeitstrukturen, Gruppengrößen oder organisatorische Abläufe.
Wenn beide Seiten den Ganztag als gemeinsame Chance begreifen, können daraus auch nachhaltige musikalische Projekte entstehen.
Welchen Rat würden Sie Akkordeonvereinen mit auf den Weg geben, die über ein Engagement im Ganztag nachdenken?
Vereine sollten sich zunächst anschauen, ob sie die Rahmenbedingungen überhaupt leisten können. Wenn das der Fall ist, sollte man mit Offenheit und auch mit ein bisschen Elan an das Thema herangehen. Wichtig ist aus meiner Sicht auch, den Ganztag nicht als Konkurrenz zu sehen. Er kann vielmehr eine Chance sein, neue Kinder zu erreichen – also Kinder, die sonst vielleicht gar nicht den Weg in ein Vereinsangebot gefunden hätten.
Für interessierte Vereine oder Ensembles gibt es hier eine Checkliste der Redaktion für die Planung einer Kooperation im Rahmen von GaFöG.
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