Wenn das Akkordeon 2026 bundesweit zum Instrument des Jahres erklärt wird, entsteht weit mehr als ein symbolischer Titel. Es ist ein kulturpolitischer Rahmen, der Orchester, Vereine und Musikschulen dazu einlädt, Projekte zu entwickeln, die Sichtbarkeit schaffen – für ihre Ensembles, ihre Arbeit und das Akkordeon selbst. Drei Projekte aus den Landesverbänden Berlin, Hessen und Rheinland-Pfalz zeigen beispielhaft, wie unterschiedlich und wirkungsvoll dieser Anlass genutzt werden kann.
Berlin: Filmmusik als Brücke zum Publikum
Für das Jugendorchester der Musikschule Marzahn-Hellersdorf , das AccordiOona-Orchestra, bot das Instrument des Jahres einen willkommenen Anlass, nach einem erfolgreichen Jahr weiterzudenken. Der große Erfolg der Carmina Burana-Aufführung mit über 1200 Besucher*innen wurde zum Ausgangspunkt einer neuen Idee: Ein reines Filmmusikkonzert, das im Juni 2026 im Freizeit- und Erholungszentrum Berlin (kurz genannt FEZ) stattfinden soll.
Die Entscheidung für Filmmusik ist dabei bewusst gefallen, da dieses Genre auch Menschen erreicht, die mit klassischem Akkordeonrepertoire bisher wenig Berührung haben. Die Bandbreite des Programms reicht von Hans Zimmer bis zur Psycho Suite von John Herman; ergänzt wird das Konzert um Schlagwerk und die Kooperation mit dem Berliner Chor Pretty Noise, mit dem das Orchester in der Vergangenheit bereits regelmäßig Kirchenprojekte realisiert hat. Für Philipp Höning, musikalischer Leiter des Projekts, ist die Stilrichtung ein ideales Schaufenster für die Vielseitigkeit des Instruments. Das Orchester möchte zeigen, „wie toll es ist, dass man mit dem Akkordeon so viel Unterschiedliches darstellen kann“ – und damit auch neue Zielgruppen ansprechen.
Für das Jugendorchester bedeutet das Projekt eine besondere Herausforderung, denn das Konzert wird vollständig in Eigenregie organisiert. Das bringt für die jungen Musiker*innen sowie den gesamten Verein einen zusätzlichen Aufwand mit sich: Neben der musikalischen Vorbereitung müssen sie sich auch mit Logistik, Werbung und Themen wie Ticketing auseinandersetzen. Philipp Höning ist dennoch überzeugt, dass das Ensemble diese Aufgabe hervorragend meistern wird – und dass der Stolz umso größer sein wird, wenn das Event erfolgreich auf die Beine gestellt ist. Und vielleicht kann dieses Konzert im Rahmen der Initiative Instrument des Jahres auch ein Impuls sein, dass Akkordeonorchester in Berlin und anderswo wieder häufiger den Platz und das Gehör bekommen, den ihre musikalische Arbeit verdient.
Hessen: Die Begegnung zweier Instrumente des Jahres
Wenn der Harmonika-Club 1934 Rüsselsheim am 7. März 2026 auftritt, treffen zwei Instrumente des Jahres aufeinander: die menschliche Stimme (Instrument des Jahres 2025) und das Akkordeon (Instrument des Jahres 2026). Das Herzstück des Projekts ist die Kooperation mit einem großen Schulchor, der jährlich mit rund 150 Jugendlichen auftritt und ein breites Repertoire pflegt – von Musik der 1920er Jahre bis hin zu aktuellen Titeln.
Für den Vorsitzenden des Harmonika-Clubs Ingolf Schneider besteht der besondere Reiz des Projekts im gegenseitigen Kennenlernen: Jugendliche sollen erfahren, was das Akkordeon kann, während das Orchester erlebt, wie vielseitig die Stimme eingesetzt wird. Es geht nicht nur um musikalische Begegnung, sondern auch um ein pädagogisches Miteinander, das beiden Seiten neue Perspektiven eröffnet. Musikalisch setzt das Konzert auf Vielfalt: Konzertstück, Musical, Unterhaltungsliteratur – und immer wieder Überraschungen für ein Publikum, das das Akkordeon oft noch als reines Begleitinstrument im Kopf hat. „Wir spielen lauter solche Sachen, die man üblicherweise vom Akkordeon nicht erwartet“, so Schneider.
Dass ein Projekt dieser Größenordnung auch logistische Herausforderungen mit sich bringt, zeigt der Blick hinter die Kulissen. Eine große Kirche dient als Konzertort, doch für 20 Akkordeonist*innen sowie 60 Sänger*innen reicht die Bühne nicht aus. Ein Bühnenbauer wurde beauftragt, zusätzliche Flächen zu schaffen und auch Beleuchtungslösungen einzubinden – ein Aufwand, der zeigt, wie ambitioniert das Projekt gedacht ist.
Das Instrument des Jahres ist für den Harmonika-Club jedoch mehr als ein Motto: Das Ensemble pflegt seit Jahren eine aktive Jugendarbeit und möchte mit dem Themenjahr dazu beitragen, ein modernes und vielfältiges Bild des Akkordeons zu vermitteln. Schneider hofft, dass das Projekt dazu beiträgt, jungen Menschen zu zeigen, dass das Akkordeon weit mehr ist als ein „Schlager- oder Hans-Albers-Instrument“, sondern ein vollwertiges Konzertinstrument mit großer Ausdruckskraft.
Rheinland-Pfalz: Austausch, Begegnung und neue Impulse
Der Verein proAKKORDeon in Wörrstadt nutzt dasInstrument des Jahres für ein Projekt, das weit über musikalische und regionale Grenzen hinausgeht: ein Austausch mit dem Orchestre d’Accordéon du Sundgau im französischen Elsass. Die Initiative entstand durch eine neue französische Mitspielerin, die Kontakte zum Orchester im Sundgau herstellen konnte. Dass das Projekt nun ausgerechnet im Instrument des Jahres-Jahr stattfindet, ist für den Verein eine willkommene Fügung.
Die Erfahrungen des musikalischen Leiters Rainer Lieser prägen das Projekt: Jahrzehntelang war er in internationalen Austauschformaten aktiv und weiß, wie prägend diese Begegnungen sein können. Er beschreibt, wie eine „Symbiose“ zwischen Orchestern entsteht, wenn man mehrere Tage miteinander verbringt, probt, Konzepte entwickelt, Ausflüge macht und abends gemeinsam zusammensitzt. Solche Erlebnisse stärken nicht nur das musikalische Niveau, sondern auch den sozialen Zusammenhalt. Darüber hinaus soll der Austausch nicht nur aus Proben und Begegnungen bestehen: Beide Orchester planen jeweils ein gemeinsames Konzert – zunächst in Frankreich, anschließend im September in Wörrstadt. Bei beiden Auftritten werden die Ensembles sowohl einzeln als auch gemeinsam musizieren.
Die organisatorischen Herausforderungen sind beträchtlich: Busunternehmen, Hotelbuchungen, Zimmerverteilung, Probenplanung und die Koordination von 54 Mitspielenden erfordern große Aufmerksamkeit und Flexibilität. Vieles steht noch nicht endgültig fest, aber das Ensemble ist überzeugt, dass die Mühe sich lohnt – und sieht darin eine seltene Chance, das eigene Orchester weiterzuentwickeln und vor allem auch jüngere Mitglieder langfristig zu binden.
Auch für die Wirkung nach außen hat das Projekt Bedeutung. Die Vorsitzende des Vereins, Christiane Bleck, formuliert den Wunsch, das Image des Akkordeons zu modernisieren und mehr Aufmerksamkeit für das Instrument zu schaffen. Zudem möchte das Ensemble Interessierte sowie Wiedereinsteiger*innen als Mitspieler*innen im Akkordeonorchester gewinnen, damit auch in Zukunft Projekte wie dieses möglich sind.
Ein Themenjahr als Motor
Die drei Projekte zeigen beispielhaft, wie das Instrument des Jahres als kreativer Rahmen wirkt: Es schafft Anlässe für Kooperationen, inspiriert zu neuen Konzertformen und regt internationale Begegnungen an. Ob Filmmusik, Chor-Kooperation oder grenzüberschreitender Austausch – die Projekte nutzen das Themenjahr, um dem Akkordeon Sichtbarkeit zu verleihen, die im besten Fall auch über das Jahr hinaus besteht.
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