Das Zeitfenster, das es einem Akkordeon-Orchester im Jahr ermöglicht mit der Orgel ein gemeinsames Konzert auszutragen, ist auf wenige Wochen im Herbst begrenzt. Ein Akkordeon kann man nicht einfach umstimmen wie z.B. eine Geige, die Tonfrequenz der Skinner-Orgel ändert sich aber mit den Temperaturen der Jahreszeiten. So trat das Akkordeon-Orchester Mainz am 07. November 2025, im Jubiläumsjahr 90 Jahre AOM, mit einem besonderen Programm auf. Die Kirche verfügt über mehr als 350 Sitzplätze, die man vorher über das Internet reservieren muss. Wer vor Konzertbeginn in das Haupt- und die beiden Seitenschiffe der Kirche schaute konnte sehen, ein bewährtes System, die Kirche war fast bis auf den letzten Platz besetzt.
Der Orgelklang in einer Kirche ergänzt durch ein Akkordeon-Orchester ergibt eine immer wieder überzeugende Klangsymbiose. Das Programm sah weiter einen gemeinsamen Auftritt mit Christina Becht, einer studierten Pianistin, am Klavier sowie mit Dr. Kathrin Dohle (Mezzosopran) und Michael Ebert (Bariton) zwei Solostimmen, vor.
Nach der Begrüßung durch Carsten Lenz, der sich dann gleich an die Orgel setzte, begann das 1. Orchester des AOM unter der Leitung von Fritz Brändle mit einem Medley des von Carl Schneider komponierten „Norderhov-Concertino“, arrangiert von Peter Pitzen. Dem Verein war es wichtig den zu seiner Zeit in der Akkordeon-Szene bundesweit bekannten langjährigen 1. Vorsitzenden, musikalischen Leiter und Dirigenten mehrerer Orchester des Vereins, mit dieser Aufführung im Jubiläumsjahr zu ehren. Da eine Orgelstimme ursprünglich nicht vorgesehen war, musste Carsten Lenz seine Improvisationskunst beweisen; es gelang ihm, den Orgelklang überzeugend in das Medley einzubauen.
Dann stand ein Werk auf dem Programm, das der Komponist Gian Piero Reverberi im Stil der venezianischen Barockmusik geschrieben hat, „Misteriosa Venezia“. Es ist die Titelmusik eines Musikalbums des italienischen Orchesters Rondo Veneziano, das Gian Reverberi gründete und leitet.
Das Arrangement von Matthias Hennecke hebt die Stärken des Akkordeon-Orchesters hervor und schafft es, die barocke Grundstimmung von „Misteriosa Venezia“ mit zeitgemäßen Klangfarben und einer abwechslungsreichen Dramaturgie zu verbinden. Die musikalische Qualität zeigt sich in der gelungenen Balance zwischen Originaltreue und kreativer Bearbeitung.
Nun wurden erstmals die Mikrophone zur Hand genommen, das Orchester hatte „Unforgettable“ von Irving Gordon aufgelegt. Bekannt wurde der Titel 1951 durch den Sänger Nat „King“ Cole und später durch seine Tochter Natalie Cole. Im Jahre 1991 sang Natalie Cole in einem virtuellen Duett den Song mit ihrem bereits verstorbenen Vater; ein gelungenes Arrangement, auch dank moderner Technik. In der Saalkirche übernahmen den Gesang Michael Ebert und Dr. Kathrin Dohle, sie trugen natürlich live und gleichzeitig vor.
Die Live-Interpretation ermöglichte es den beiden Solisten, aufeinander einzugehen und die charakteristische Intimität des Originals auf die Bühne zu bringen. So verstanden es die beiden Sänger, die emotionale Botschaft des Songs authentisch zu transportieren und das Publikum zu berühren.
Orgel, Akkordeon-Orchester und Klavier boten nun zusammen Mozart dar. Das Klavierkonzert Nr. 21 Köchelverzeichnis 467 – Andante aus dem Jahre 1785. Carsten Lenz an der Orgel und Christina Becht am Klavier zeigten welch herrlichen Klang diese Instrumente gemeinsam erzeugen können. Die Orgel verlieh dem Stück zusätzliche Tiefe und einen feierlichen Charakter, während das Klavier die melodische Führung übernahm.
Christina Becht überzeugte als Klaviersolistin durch eine sensible, ausdrucksstarke Spielweise, die den Charakter des Andante – ruhig und voller innerer Spannung – hervorragend transportierte. Die besondere Akustik der Saalkirche Ingelheim unterstützte die Transparenz und Wärme des Mozart-Andante und verlieh der Aufführung eine festliche und zugleich intime Atmosphäre.
Für seinen Filmklassiker „Moderne Zeiten“ (Modern Times) komponierte Charlie Chaplin 1936 eine Melodie als Liebesthema, „Smile“. Der Text kam erst später im Jahre 1954 hinzu, damals gesungen voran von „Nat King Cole“. Für das AOM übernahm Dr. Kathrin Dohle die Interpretation der eingängigen Melodie und überzeugte erneut das Publikum. Die Begleitung durch das Akkordeon-Orchester Mainz schuf eine warme, tragende Klangbasis, die den Gesang unterstützte, ohne ihn zu überdecken. Dadurch konnte sich die Solostimme voll entfalten.
Erneut war nun die Skinner-Orgel mit dem 1. Orchester des AOM gemeinsam an der Reihe. Das „Orgelkonzert B-Dur“ komponierte Georg Friedrich Händel ursprünglich als Harfenkonzert und wurde innerhalb der Ode „Alexanderfest“ aufgeführt.
Händel war ein Pionier darin, die Orgel als Soloinstrument im Konzertsaal zu etablieren. Seine Orgelkonzerte dienten oft als Zwischenspiele in seinen Oratorienaufführungen und sollten das Publikum unterhalten und beeindrucken. Das Konzert in B-Dur zeichnet sich durch seine festliche Grundstimmung, virtuose Orgelpassagen und das Wechselspiel zwischen Soloinstrument und Orchester aus.
In Konzertaufführungen, wie etwa in der Saalkirche Ingelheim, übernimmt die Orgel die Hauptrolle, während das begleitende Ensemble – hier also das Akkordeon-Orchester Mainz – die Orgelklänge unterstützt und ergänzt. Das Konzert bietet sowohl dem Solisten als auch dem Orchester Gelegenheit, ihre musikalische Ausdruckskraft und technische Brillanz zu zeigen.
Vor dem Höhepunkt des Abends stand das 1. Orchester gemeinsam mit Dr. Kathrin Dohle noch einmal auf dem Programm. „A Night Like This“ ist ein Lied der niederländischen Sängerin Caro Emerald aus ihrem Album „Deleted Scenes from the Cutting Room Floor“. Die Veröffentlichung fand am 11.12.2009 in den Niederlanden statt, nachdem das Lied zuvor bereits in einer Werbung für die Wermut-Marke „Martini“ zu hören war. Der Liedtext handelt von einer besonderen Nacht, die die Protagonistin erlebt hat und von der sie im Nachhinein immer wieder träumt.
Das Arrangement für Akkordeon-Orchester stammt von Wolfgang Ruß. Die Instrumentation des Arrangements war darauf ausgelegt, die Stimme der Solistin optimal zur Geltung zu bringen und gleichzeitig eine abwechslungsreiche, moderne Klanglandschaft zu schaffen. Das Zusammenspiel von Akkordeon-Orchester und Solistin verlieh dem Stück eine besondere Atmosphäre und unterstützte die emotionale Wirkung des Gesangs. Dr. Kathrin Dohle konnte hier neben ihrem gesanglichen Können auch ihre darstellerischen Qualitäten bei der Präsentation des Stückes eindrucksvoll präsentieren.
Wer in das ausgelegte Programm gesehen hatte, der freute sich zweifellos auf den nächsten Programmpunkt, die „Rhapsody in Blue“ von George Gershwin in der Bearbeitung von Thomas Bauer für Klavier und Akkordeon-Orchester. Christina Becht trat wieder an den Flügel, ihr großer Auftritt stand an. Die Pianistin ist Lehrbeauftragte für Klavier am Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt am Main und fand durch ihre Eltern, die viele Jahre im 1. Orchester mitspielten, zum AOM. Carsten Lenz, der stets mittels einer Kamera die Tastatur der Orgel während seiner Konzerte auf eine große Leinwand projiziert, hatte seine Kamera auf die Klaviertastatur ausgerichtet. So konnten alle im Kirchenschiff sehen und nicht nur hören, welche Leistung Christina Becht am Klavier erbrachte.
Das weltbekannte Stück mit seiner Verschmelzung von klassischer Musik und Jazz kommt hier in einem neuen, klanglich reizvollen Gewand zur Geltung. Das 1. Orchester des AOM ersetzte das traditionelle Sinfonie-Orchester mit überraschender Klangvielfalt und rhythmischer Präzision, während das Klavier, souverän interpretiert von Christina Becht, die zentrale solistische Rolle beibehielt. Bauers Arrangement bewahrt den charakteristischen Charme und die improvisatorische Freiheit des Originals, ergänzt durch neue farbliche Nuancen und ein transparentes Zusammenspiel zwischen der hervorragenden Solistin und dem Orchester. Die Aktiven des 1. Orchesters und voran der Dirigent Fritz Brändle mussten ausgesprochen aufmerksam auf Christina Becht am Klavier achten, damit die Orchesterbeiträge zu dem Stück alle an der richtigen Stelle und zur richtigen Zeit eingebracht wurden, was hervorragend gelang.
Am Ende bedankte sich ein von der musikalischen Leistung am Klavier begeistertes Publikum, das durch die optischen Darstellung der Darbietung durch den Blick auf die Tasten zudem überwältigt war, mit einem stürmischen Applaus. Alle standen auf und zeigten so, dass sie heute etwas Besonderes gehört und auch gesehen hatten.
Es dauerte etwas, bis alle im Kirchenschiff wieder Platz genommen hatten und das nominell letzte Stück aufgeführt werden konnte. Dr. Kathrin Dohle hatte das Mikrophon wieder ergriffen und am Klavier nahm dieses Mal Peter Pitzen Platz, denn nun stand ein Titel aus dem Musical „Elisabeth“ auf dem Programm. „Elisabeth“ ist ein Drama-Musical, das von den Vereinigten Bühnen Wien produziert und 1992 uraufgeführt wurde. Das Stück erzählt die Lebensgeschichte der österreichischen Kaiserin Elisabeth als Totentanz.
Mitte des 1. Aktes legt Elisabeth dar, wie sie sich ihr Leben vorstellt und singt: „Ich gehör` nur mir“. Arrangiert für Akkordeon-Orchester von Wolfgang Ruß und gesungen von der herrlichen und mitnehmenden Stimme von Dr. Kathrin Dohle waren alle auf den Kirchenbänken noch einmal fasziniert. Wer ein wenig die Geschichte der Kaiserin Elisabeth von Österreich abseits der Sissi-Filme kennt, den berührten die Klagen dieser in eine sie einzwängende Welt lebenden Frau, die sie im Text darlegte, sehr. Die Stimme von Dr. Kathrin Dohle, die in der Akustik dieser Kirche noch einmal in besonderer Weise überzeugen konnte, faszinierte das Publikum erneut. Auch ihr wurde am Ende stehender Applaus gespendet, der kaum enden wollte.
Carsten Lenz nahm dann das Mikrophon und beruhigte die Anwesenden mit dem Hinweis, das Konzert sei noch nicht zu Ende, das Orchester werde noch ein weiteres Stück spielen. Zuvor dankte er dem 1. Orchester des AOM und natürlich der Pianistin Christina Becht für das Konzert. Als Orgelspieler ist ihm in besonderer Weise bewusst gewesen, welche Leistung am Klavier in atemberaubenden Tempo gezeigt wurde. Besonderer Dank wurde auch den beiden Solisten ausgesprochen, voran der überwältigenden Stimme von Dr. Kathrin Dohle.
Das Akkordeon-Orchester Mainz feiert 2025 unter dem Motto „90 Jahre und kein bisschen Leise“ seinen 90. Geburtstag, als sichtbaren Dank des AOM an den Organisator und Organisten Carsten Lenz überreichte der 1. Vorsitzende Rainer Hofius ein Weinpräsent mit einem eigens für das Jubiläum geschaffenen Flaschen-Etikett.
Vor dem Abschluss des Konzerts hatte das 1. Orchester unter der Leitung von Fritz Brändle noch die versprochene Zugabe, „Scherzo“, aufgelegt. „Scherzo“ gehört zur 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven, die 1824 in Wien uraufgeführt wurde. Der zweite Satz des Originals wurde in einer gelungenen Weise von Hans-Günther Kölz für Akkordeon-Orchester bearbeitet. Das 1. Orchester konnte mit seiner ganzen Spielfreude die kraftvolle Rhythmik, den markanten Synkopencharakter und die treibende Energie der Musik darstellen. Die kontrastreiche Trio-Passage brachte dabei lyrische Leichtigkeit und rundete das dynamische Scherzo wirkungsvoll ab.
Das Ende des Konzerts war, wie stets bei Konzerten in der Saalkirche in Ingelheim, nicht das Ende der Veranstaltung, es folgte ein Umtrunk. Wer nicht gleich nach Hause gehen mochte dem bot Carsten Lenz, unterstützt von fleißigen Helferinnen und Helfern, Rotwein an, der den Räumlichkeiten angemessen aus einer Orgelpfeife ausgeschenkt wurde. Man füllte zuvor fleißig Gläser mit Wein ein, der aus einem kleinen Hahn im unteren Bereich der umgebauten Orgelpfeife herausfloss. Das Angebot des gemütlichen Ausklangs des Konzerts nutzten viele die in die Kirche gekommen waren. So konnten alle mitwirkenden Musikerinnen und Musiker unmittelbar die begeisterten Worte der Zuhörerinnen und Zuhörer vernehmen und viele Fragen zu unserem Instrument und dessen Möglichkeiten voran im Orchester beantworten.
Rainer Hofius und Heiko Turley
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